Neue Studie zeigt: Hitzewellen bereits deutlich früher tödlich als gedacht
Hitzewellen töten – und zwar früher als gedacht. Eine neue Studie zeigt: Der menschliche Körper erreicht seine Grenzen weit vor dem bisher geltenden Grenzwert.
Jahrzehntelang galt in der Klimawissenschaft ein scheinbar verlässlicher Grenzwert: Bei einer Feuchtkugeltemperatur von 35 Grad Celsius – einem Maß, das Temperatur und Luftfeuchtigkeit kombiniert – sei die Grenze des menschlich Überlebbaren erreicht. Doch eine neue Studie im renommierten Fachjournal Nature Communications räumt mit dieser Annahme auf. Und das Ergebnis ist beunruhigend: Die tatsächlichen Überlebensgrenzen liegen weit darunter.

Das Forschungsteam um Jennifer Vanos von der Arizona State University kritisiert, dass bisherige Klimastudien physiologische Unterschiede zwischen Menschen weitgehend ignorierten. Der pauschale Wert von 35 °C Feuchtkugeltemperatur berücksichtigt weder Alter noch Gesundheitszustand, Sonneneinstrahlung oder individuelle körperliche Merkmale.
35 Grad – und der Körper kapituliert: Warum Hitze gefährlicher ist, als das Thermometer zeigt
Zum Verständnis: Wenn im Sommer das Thermometer auf 35 Grad klettert, ist das für viele Menschen unangenehm – aber mit den richtigen Maßnahmen meist keine lebensgefährliche Bedrohung. Man sucht den Schatten, trinkt viel und schwitzt. Genau dieses Schwitzen ist der entscheidende Punkt: Der Körper kühlt sich fast ausschließlich über die Verdunstung von Schweiß auf der Haut ab. Solange die Luft trocken genug ist, funktioniert dieser Mechanismus zuverlässig. Doch die Wissenschaft misst Hitzegefahr nicht nur in Grad Celsius – sondern in der sogenannten Feuchtkugeltemperatur, die Temperatur und Luftfeuchtigkeit kombiniert. Und hier wird es gefährlich.
Bei einer Feuchtkugeltemperatur von 35 Grad ist die Luft so stark mit Wasserdampf gesättigt, dass Schweiß schlicht nicht mehr verdunstet. Der körpereigene Kühlmechanismus versagt vollständig – und das unabhängig davon, wie viel man trinkt oder wie ruhig man sich verhält. Der Körper heizt sich unweigerlich auf, die Organe beginnen zu versagen.
Neue Studie: Körper älterer Menschen erreichen Hitzegrenze früher als bisher angenommen
Dieser Zustand kann bereits bei einer normalen Lufttemperatur von 46 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit eintreten – oder auch bei vermeintlich moderaten 35 Grad, wenn die Luft nahezu wassergesättigt ist – bei beispielsweise fast 100 Prozent Wasserfeuchtigkeit. Genau hier setzt die neue Studie an: Sie zeigt, dass der menschliche Körper – besonders bei älteren Menschen – diese kritische Schwelle weit früher erreicht als bislang angenommen. Ein veraltetes Beispiel für Feuchtkugeltemperatur:
| Lufttemperatur | Luftfeuchtigkeit | Feuchtkugeltemperatur |
| 35 °C | 100 % | ~35 °C → tödlich |
| 46 °C | 20 % | ~28 °C → gefährlich, aber eher überlebbar |
| 35 °C | 40 % | ~24 °C → heiß, aber tolerierbar |
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelten daher ein neues, physiologisch fundiertes Modell – und kamen zu alarmierenden Ergebnissen: Die tatsächlichen Überlebensgrenzen liegen bei jungen Erwachsenen zwischen etwa 25,8 und 34,1 °C Feuchtkugeltemperatur – je nach Bedingungen. Bei älteren Erwachsenen sinkt diese Grenze auf 21,9 bis 33,7 °C. Das bedeutet: Gegenüber dem bislang verwendeten 35-°C-Modell werden die Risiken um bis zu 13 Grad unterschätzt.
Warum ältere Frauen bei Hitze besonders gefährdet sind – und wie groß der Unterschied wirklich ist
Besonders alarmierend ist die Situation für ältere Frauen: Unter trockenen Bedingungen liegt ihre physiologische Überlebensgrenze bis zu 13,1 Grad unterhalb des bisher als Maßstab geltenden Wertes. Ihr Körper ist schlicht nicht in der Lage, die anfallende Wärme schnell genug abzuleiten – der Hitzestau wird gefährlich.
Der Grund liegt in der Physiologie des Alterns: Mit zunehmendem Alter sinkt die Schweißkapazität, das Herz-Kreislauf-System reagiert träger, und die Fähigkeit zur Thermoregulation nimmt ab. Was für einen gesunden 25-Jährigen im Schatten noch tolerierbar sein mag, kann für eine 70-jährige Frau lebensbedrohlich werden.
Nicht nur überleben, sondern leben: Wie Hitze die Alltagsaktivität älterer Menschen einschränkt
Die Studie führt neben dem Begriff der „Überlebensfähigkeit“ (survivability) auch das Konzept der „Lebensfähigkeit“ (liveability) ein: Gemeint ist die Fähigkeit, bei Hitze noch sicher körperlich aktiv zu sein. Das Ergebnis: Mit steigendem Alter sinkt dieser Wert um 2,5 bis 3,0 metabolische Äquivalente (METs) – eine bedeutende Einschränkung der alltäglichen Aktivität, etwa beim Gehen, bei der Haushaltsführung oder leichter Gartenarbeit.
Besonders gravierend ist die Kombination aus Sonneneinstrahlung und Luftfeuchtigkeit: Beide Faktoren reduzieren die sichere Aktivitätsgrenze erheblich. Im Freien, unter direkter Sonne, werden kritische Schwellen noch schneller erreicht.
Demografischer Wandel trifft Klimawandel: Warum die alternde Gesellschaft das größere Hitzeproblem ist
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie: Der Vergleich zwischen heutigen und zukünftigen Klimabedingungen zeigt, dass der demografische Wandel – also die Alterung der Gesellschaft – in naher Zukunft einen stärkeren Einfluss auf hitzebedingte Risiken hat als die Erderwärmung selbst. Während der Klimawandel die Häufigkeit und Intensität von Hitzewellen steigert, wächst gleichzeitig der Anteil besonders vulnerabler, älterer Menschen in der Bevölkerung. Diese doppelte Bedrohung werde in bisherigen Risikomodellen systematisch unterschätzt.
„Die Vereinfachung fehlt an Robustheit, wenn es darum geht, hitzebedingte Gesundheitsfolgen in einem sich verändernden Klima vorherzusagen“, hatten Vanos und Mitautorinnen bereits in einer früheren Studie betont. Die neue Arbeit zieht daraus die logische Konsequenz: Wer Menschenleben schützen will, muss den Menschen in seiner ganzen Komplexität denken – nicht als abstrakten Durchschnittskörper. Einige Städte ergreifen bereits Maßnahmen gegen gefährliche Hitzwellen. Quellen: nature.com, eigene Recherche (bk)