Antarktis war einst von Wäldern und Flüssen durchzogen – neue Erkenntnisse verändern Klimamodelle
Die Antarktis war vor 34 Millionen Jahren keine flache Ebene. Diese neue Erkenntnis beeinflusst künftige Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels.
Frankfurt – Während Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf dem antarktischen Eis campen, um 500 Meter tief nach Schlamm und Gestein zu bohren, hat ein internationales Team eine überraschende Entdeckung gemacht: Die westliche Antarktis war vor der Vereisung keine flache Ebene, sondern eine zerklüftete, unebene Landschaft mit kurzen Flüssen. Diese uralte Topografie beeinflusst bis heute, wie schnell das Eis schmilzt – und bestimmt damit den künftigen Meeresspiegel.

„Der Blick tief unter das Eis ermöglicht es uns, die Erdgeschichte im Wandel der Klimazonen zu rekonstruieren. Unsere neueste Studie hilft uns, die heutigen Eisschilde zu verstehen, indem sie die Landschaft kartiert, die vor der Eisbildung existierte“, so James Marschalek, Forschungsleister und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department of Earth Science and Engineering (ESE) des Imperial College London. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Science Advances publiziert.
Wann wild das Eisschild in der Antarktis kollabieren? Forschende bohren nach Antworten
Ein Team von 29 Forschenden, Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie Antarktis-Spezialistinnen und -Spezialisten hat sich in einem abgelegenen Camp auf dem Ross-Schelfeis eingerichtet. Ihr Ziel: einen 200 Meter langen Sedimentkern aus dem Gestein zu gewinnen, das 500 Meter unter dem Eis liegt. Es ist die dritte Saison der SWAIS2C-Mission (Sensitivity of the West Antarctic Ice Sheet to 2°C). Die zentrale Frage, die das Forschungsteam beantworten will, klingt simpel, ist aber von enormer Tragweite: Bei welcher globalen Temperaturerhöhung wird das Schmelzen des westantarktischen Eisschilds unumkehrbar?
Sollte das Team erfolgreich sein, wird der Sedimentkern Schichten enthalten, die in den letzten 23 Millionen Jahren abgelagert wurden – einer Periode der Erdgeschichte, in der die Temperaturen wärmer waren als heute. Diese Informationen sind elementar, um vorherzusagen, wann das Ross-Schelfeis und der gesamte westantarktische Eisschild kollabieren könnten. Die Westantarktis ist laut den Forschenden „der größte Beitragszahler der Antarktis zum globalen Meeresspiegelanstieg“.
Vor mehreren Millionen Jahren: Antarktis war keine flache Landschaft
Während die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Zukunft blicken, haben sie gleichzeitig einen Blick in die tiefe Vergangenheit geworfen. Ihre jüngsten Forschungsergebnisse zeigen: Die westliche Antarktis war vor mehr als 34 Millionen Jahren keine flache Landschaft mit langen Flüssen, wie bisher angenommen. Stattdessen war sie eine zerklüftete, unebene Landschaft mit Hochland und Tiefland, Wäldern sowie deutlich kürzeren Flusssystemen, die im Meer mündeten.
Das Team untersuchte Sedimentproben vor der Küste der Westantarktis. Bisherige Theorien gingen davon aus, dass diese von den Transantarktischen Bergen stammen, mehr als 1500 Kilometer entfernt. Das hätte bedeutet, dass ein langer Fluss durch die Westantarktis floss – was wiederum auf eine relativ flache Landschaft hingedeutet hätte. Die Messungen zeigen jedoch: Die Sedimente stammen wahrscheinlich nicht von den fernen Bergen, sondern wurden von einem viel kürzeren Flussnetz transportiert. Das heißt, dass die Landoberfläche sowohl höher gelegene als auch unter dem Meeresspiegel liegende Gebiete hatte.
So hat die Vergangenheit der Antarktis Einfluss auf die Zukunft
Die Entdeckung ist mehr als eine Fußnote der Erdgeschichte. „Die Urantarktis liefert einige der wertvollsten Hinweise auf die Zukunft und die Folgen einer sich erwärmenden Welt“, erklärte Marschalek. Tina van de Flierdt, Leiterin des Fachbereichs Geowissenschaften und Ingenieurwesen am Imperial College und Co-Chefwissenschaftlerin von SWAIS2C, betonte: „Die Rekonstruktion der damaligen antarktischen Landoberfläche ist entscheidend, da sie Aufschluss darüber gibt, wie leicht sich die ersten Gletscher bilden konnten und wie der Kontinent sich zu der uns heute bekannten eisbedeckten Welt entwickelte.“
Studienautor Matthew Fox fasste zusammen: „Es ist unerlässlich zu verstehen, wie Eisschilde auf den Klimawandel reagieren, und vergangene Warmzeiten bieten wertvolle Analogien für mögliche zukünftige Bedingungen.“ Die neu gewonnenen Erkenntnisse über die antarktische Topografie zum Beginn der Vereisung helfen dabei, die Klimasignale besser zu interpretieren – und so präzisere Vorhersagen über die Zukunft zu treffen. (Quellen: Imperial College London, Science Advances) (cln)
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