Schicksal: Wie Zufälle unser Leben beeinflussen

Immer wieder sind wir mit Überraschungen konfrontiert, die unser Leben an einen Wendepunkt bringen und verändern können. Was steckt hinter der Macht des Zufalls?
Mehrfach in unserem Leben geraten wir in Situationen, bei denen wir zweifeln, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Das Treffen auf eine bestimmte Person, mit der wir absolut nicht gerechnet hatten oder auch Umstände, die sich wie durch Zufall stets wiederholen – solche Begebenheiten bringen uns zum Grübeln, ob nicht vielleicht eine höhere Macht im Spiel ist. Warum treten bestimmte Ereignisse genau dann ein, wenn wir gerade eben erst daran gedacht haben? Gehorcht der Zufall etwa gewissen Regeln? Seit Jahren ist auch die Wissenschaft ganz seriös im Rahmen der Zufallsforschung auf der Spur nach der Ordnung hinter dem Chaos.
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Der Zufall – ungeplantes Chaos
Häufig schon war bei verschiedenen Erfindungen der Zufall mit im Spiel. Ungeplante Wendungen oder Nachlässigkeit beim Durchführen wissenschaftlicher Experimente haben zu unbeabsichtigten Entdeckungen geführt. Penicillin, Röntgenstrahlen, Teflon, oder das Stolpern über den amerikanischen Kontinent – durch beiläufige Begebenheiten oder willkürliche Änderungen eines definierten Ablaufs konnten bereits wichtige Dinge ins Leben gerufen werden, die heute nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken sind.
Einordnung des Begriffs
Auch dafür gibt es einen eigenen Begriff: Serendipität wird der Umstand bezeichnet, wenn durch Zufall etwas entdeckt wird, was ursprünglich gar nicht gesucht wurde. Sobald sich ein Ereignis nicht durch übliche Zusammenhänge erklären lässt, sprechen wir von einem Zufall. Offensichtlich erklärbar werden sie, wenn sich eine Verbindung zwischen Ursache und Wirkung herstellen lässt. Fehlt diese, war Kollege Zufall wohl am Werk.
Der Begriff hat sich in unserem Sprachraum aus dem lateinischen Wort accidēns gebildet, womit das Unwesentliche oder das unglückliche Ereignis bezeichnet wurde. Accidere bedeutete in der Antike geschehen oder widerfahren. Hiermit wurde der Aspekt der Nichtbeeinflussbarkeit mit ins Spiel gebracht.
Auch als punktuelles Chaos haben manche Wissenschaftler versucht, das Phänomen in Worte zu fassen. Oder als eine unvorhergesehene Abweichung von Gesetzmäßigkeiten. Das Problem dabei: Möglicherweise sind einfach die entsprechenden Gesetzmäßigkeiten oder Regeln noch nicht bekannt. Nutzen wir das Wort Zufall also nur, um unerklärliche Dinge passend einzuordnen? Als übergeordneten Sammelbegriff für alles unerwartet und unvorhergesehen Geschehene?
Zufälle sind manchmal unbequem
Viele Menschen, die durch Zufall von einem Unglück heimgesucht werden, wollen sich mit diesem ungeklärten Zustand nicht gerne zufriedengeben. Manche Krebserkrankungen beispielsweise sind nicht auf äußere Einflüsse oder genetische Veranlagung zurückzuführen. Die Wahrscheinlichkeit daran zu erkranken, liegt bei jedem Menschen dann gleich hoch oder niedrig.
Die Patienten fühlen sich oft nicht wohl mit dieser Diagnose. Es wäre ihnen lieber, wenn es eine klare Ursache für das Ausbrechen der Krankheit gäbe. Ohne konkreten Grund wird das plötzliche Leiden ungreifbar und auch irgendwie unangreifbar. In diesem Fall verdonnert das Wort Zufall uns zu Handlungsunfähigen, denn es gibt uns das Gefühl, ein Stück weit machtlos zu sein.
Unvorhersagbarkeit im Glücksspiel
Auf genau dieses Prinzip ist jede Art von Glücksspiel gebaut. Hier hat jeder die gleichen Chancen zu gewinnen oder eben auch zu verlieren. Wäre das Glück dabei steuerbar, ginge auch der besondere Reiz verloren. Grundsätzlich werden dabei verschiedene Arten unterschieden:
Hier hängt der Spielverlauf und der Ausgang ganz vom Zufall ab (z.B. Roulette).
Durch persönliche Entscheidungen kann der Spielverlauf beeinflusst werden (z.B. Black Jack).
Der deutsche Glücksspielstaatsvertrag zählt alle Spiele zu den Glücksspielen, für die „ein Entgelt verlangt wird und die Entscheidung über den Gewinn ganz oder überwiegend vom Zufall abhängt.“ Auch das Wetten nach vorherigem Einsatz auf den Ausgang eines zukünftigen Ereignisses fällt darunter.
Die Unvorhersehbarkeit macht die große Faszination aus, welche die Glücksspiele auf viele Menschen ausüben. Ein gewisser Spannungsbogen baut sich während des Spielens oder dem Warten auf das Ergebnis auf. Das Glücksgefühl bei einem Gewinn wird durch die vermehrte Ausschüttung von Dopamin in unseren Gehirnen erzeugt. Und manchmal ist es dann auch das vermeintliche Wissen um einen geheimen Trick, der die Regeln des Zufalls aus den Angeln heben soll, welches uns mit noch mehr Freude spielen lässt.
Theorien zur Macht des Zufalls
Die Suche nach dem geheimen Plan hinter dem Zufall ist nicht neu. Bereits lange vor den heutigen wissenschaftlichen Bestrebungen haben die Menschen versucht, zufällige Begebenheiten mit mehr oder weniger plausiblen Erklärungen zu deuten.
Als nächsten Schritt wurde dann versucht, aus dieser Erklärung auch irgendwie Kapital zu schlagen. Denn immer, wenn jemand in der Lage war oder zu sein schien, das Schicksal zu beeinflussen, befand er sich in einer gewissen Machtposition. Wer unerklärliche Dinge ergründen oder gar selbst herbeiführen konnte, wurde nicht selten als Gottheit verehrt.
Schicksalsgottheiten in der Mythologie
In der Antike waren hauptsächlich weibliche Gottheiten für das Glück und das Schicksal zuständig. In vielen Kulturen traten dabei drei verschiedene Figuren gemeinsam auf.
Sie sind in der Mythologie zwar nicht den Göttern gleichgestellt, dennoch können letztere das Schicksal, im Gegensatz zu den Moiren, nicht abändern. Klotho (die Spinnerin), Lachesis (die Loserin) und Atropos (die Unabwendbare) erspähen, verwalten und verhängen das Schicksal der Menschen.
Nona (die Neunte), Decima (die Zehnte) und Parca (die Geburtshelferin) heißen die drei weiblichen Gestalten in der römischen Mythologie. Zunächst waren sie als Geburtsgöttinnen bekannt, wurden jedoch später in Anlehnung an die griechische Mythologie angepasst. Vor allem bei der Entscheidung über Leben und Tod traten die Schicksalsgöttinnen dann in Kunst und Literatur immer wieder auf. Im Rahmen der fata scribunda schrieben die Parzen zudem das Schicksal neugeborener Kinder auf.
Auch dieses Dreigespann taucht oft bei der Geburt eines Kindes auf, um das zukünftige Schicksal zu bestimmen. Die Figuren sind dabei den verschiedenen Zeitspannen zugeordnet. Urd (die Norne der Vergangenheit oder des Schicksals), Werdandi (Gegenwart oder das Werdende) und Skuld (Zukunft oder Schuld) sagen die Lebensdauer voraus und mit welchen Begabungen das Kind gesegnet ist.
Um mehr über ihr Schicksal zu erfahren, wandten sich die Menschen deshalb oft an ein Orakel. Neben dem berühmtesten in Delphi, waren zahlreiche Wahrsager damit beschäftigt, den Wissensdurst um die Kenntnis dessen, was kommen wird, zu stillen. Immer schon war der Drang groß, auf die Zukunft vorbereitet zu sein oder es wurde versucht, sich durch ein gewisses Mehrwissen einen Vorteil zu verschaffen.
Quantentheorie
In der modernen Physik spielt der Zufallsbegriff bei der Quantentheorie eine große Rolle. Hier wird er als tatsächlich nicht beeinflussbarer Faktor verstanden, der allerdings auch keiner erklärbaren oder nachvollziehbaren Regel folgt. Für verschiedene Zustände oder Ereignisse von physikalischen Phänomenen gibt es demnach keine kausale Erklärung. Der Zeitpunkt, wann ein radioaktives Atom beispielsweise zerfällt, kann nicht genau vorausgesagt werden, obwohl alle Informationen dazu verfügbar sind. Bei einer großen Zahl lässt sich zwar ein statistischer Wert ermitteln, für ein einzelnes Atom sind diese Daten jedoch nicht verbindlich.
Das große Mysterium dabei: Nur, wenn ein quantenphysikalisches System beobachtet wird, taucht der Zufall auf. Wird das Quanten-System sich selbst überlassen und ist nicht durch eine Messung beeinflusst, folgt es stets den klaren Voraussagungen. Dies lässt sich damit erklären, dass durch die Beobachtung immer nur ein zufällig ausgewählter, kurzer Zeitpunkt im natürlichen Ablauf innerhalb des Systems betrachtet werden kann und so die Regelmäßigkeit im komplexen Gefüge außer Acht gerät.
Die Quantentheorie bevorzugt oftmals den Begriff Unvorhersagbarkeit, da im Gegensatz zum Zufall dennoch alle Faktoren bekannt sind. Diese können jedoch aufgrund des gleichzeitigen Ablaufs und der großen Komplexität nicht zu einem eindeutigen Ergebnis führen. Das passende Wort dafür lautet Determinismus. Demnach sind für alle Situationen und Ereignisse die entsprechenden Vorbedingungen eindeutig festgelegt.
Chaosforschung
Ein großes Problem hierbei ist die Tatsache, dass oftmals die Anfangsbedingungen nicht bekannt sind. Wird eine Versuchsreihe gestartet, kann deshalb ein gleichbleibender Ablauf eines Experiments nicht gewährleistet oder rekonstruiert werden. Selbst minimale Änderungen können dann zu einem völlig anderen Ergebnis führen. Mit diesem Umstand beschäftigt sich die Chaosforschung.
Die Erkenntnisse aus der Mathematik und Physik werden zum Teil auch auf reale Vorgänge im Alltag übertragen. So wird beispielsweise versucht, die Entwicklung von Börsenkursen oder der aktuellen Konjunkturlage zu erklären. Im Rahmen verschiedener Systemtheorien werden komplexe Systeme auf tieferliegende Regeln oder wiederkehrende Phänomene untersucht. Die immer besser werdende Rechnerleistung der Computer hilft dabei, die realen Gegebenheiten in Form von abstrakten Zahlen und Daten zu verarbeiten um daraus eine Ordnung abzuleiten.
Ganz pragmatische Anwendungen ergeben sich daraus etwa für Finanzapps, mit deren Hilfe wir die richtige Anlageform für den Moment finden können. Die undefinierbare Masse der Big Data wird durch verschiedene Algorithmen strukturiert und analysiert. Aus dem scheinbaren Chaos lassen sich auch bei großen Datenmengen inzwischen bestimmte Muster ableiten, welche zur Prognose für die zukünftige Entwicklung eines Finanzproduktes als Grundlage dienen.
Zufall und freier Wille
Auch auf psychologischer Ebene wird versucht, eine Erklärung für zufällige Begebenheiten zu finden. Nicht nur, was genau uns zu bestimmten Handlungen bewegt, auch warum im Leben eines Menschen scheinbar zufällig immer wieder die gleichen Situationen auftauchen, wird erforscht. Der Macht unserer Gedanken wird dabei eine große Rolle zugesprochen.
Das Gesetz der Anziehung wurde in diesem Zusammenhang entwickelt. Es besagt, dass Gleiches immer Gleiches anzieht. Eher im Bereich der Esoterik verankert, soll das Gesetz der Annahme Ausdruck verleihen, dass wir mit unseren Gedanken auch die Dinge beeinflussen, welche uns zustoßen. Wissenschaftlich betrachtet gibt es dafür jedoch keinerlei Grundlage.
Möglich wäre allerdings, dass wir unser Verhalten unbewusst an gewisse Gedanken anpassen und so für deren reale Umsetzung sorgen. Mit unserer Mimik, Gestik und Körpersprache können wir zudem auch Einfluss darauf nehmen, wie uns andere Personen wahrnehmen oder gar auf ihre Handlungsweisen einwirken. Dies geschieht nicht immer wissentlich und so erscheint uns ein Zufall manchmal als eine Offenbarung unserer Gedanken.
Zufälle als Chancen erkennen
Zufälle können uns dabei helfen, unserem Leben eine neue Wendung zu geben oder uns zu gegebener Zeit weiterentwickeln zu können. Dafür müssen die Zufälle jedoch erst einmal erkannt und gedeutet werden. Und dafür ist es notwendig, achtsam durch den Alltag zu schreiten. Der „richtige Riecher“ oder das „besondere Bauchgefühl“ haben heute oft keinen Platz in einer Welt, die von klaren Fakten dominiert wird.
Doch was spricht dagegen, sich auf einen Zufall auch einmal einzulassen? Ein tolles Jobangebot, obwohl eigentlich gar keine neue Stelle gesucht wird oder der aus den Augen verlorene Freund, der plötzlich wieder zufällig den Weg kreuzt – solche Situationen stellen uns immer wieder vor Entscheidungen, die unser Leben manchmal nachhaltig verändern können.
Negative Muster durchbrechen
Dabei kann eine positive Einstellung sehr wichtig sein. Chancen, die sich uns bieten, können nur erkannt werden, wenn wir offen dafür sind. Überwiegt die Angst vor dem Unbekannten oder einer Veränderung, treten wir oftmals auf der Stelle und kommen nicht so richtig voran.
Gerade für die berufliche Karriere ergeben sich immer wieder Zufälle, die uns einen Schritt weiterbringen können. Oftmals durchkreuzen überraschende Begebenheiten unsere detailliert durchdachten Pläne und lang vorbereiteten Karriereschritte. Dann bringt es meist nichts, an einem definierten Muster festzuhalten. Wer dagegen stets offen für Neues in die Zukunft blickt, und sich durch ungewöhnliche Herausforderungen nicht abschrecken lässt, kann manchmal mehr erreichen als zunächst erträumt wurde. Wenn Zufälle als Chance erkannt und die daraus resultierenden Möglichkeiten zugelassen werden, kann oftmals etwas ganz Neues entstehen. (Welt der Wunder Redaktion)