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RAF-Rentner: Wird Ex-Terroristen Corona zum Verhängnis?

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Von: Martin Henning

Ein Fahndungsplakat zu den RAF-Rentnern Garweg, Klette und Staub.
Ein Fahndungsplakat zu den RAF-Rentnern Garweg, Klette und Staub. © LKA Niedersachsen

Seit Jahren fahndet das LKA nach den „RAF-Rentnern“ Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette. Wie ist der aktuelle Stand? 24RHEIN hat nachgefragt.

Köln / Hannover – Der Spitzname „RAF-Rentner“ klingt fast ein bisschen verharmlosend. Denn auch im hohen Alter sorgen Ernst-Volker Staub (67), Burkhard Garweg (53) und Daniela Klette (63) noch für Angst und Schrecken. Die Frau und die zwei Männer gehören zur „dritten Generation“ der linksextremistischen terroristischen Vereinigung Rote Armee Fraktion (RAF). Sie werden verdächtigt, in den vergangenen Jahren mehrere bewaffnete Überfälle auf Geldtransporter begangen zu haben.

Das Trio war Ende der 1980er Jahre untergetaucht und blieb lange unter dem Radar. Dann bewiesen DNA-Spuren, dass Staub, Garweg und Klette im Juni 2015 für einen missglückten Überfall auf einen Geldtransporter bei Real in Stuhr Nahe Bremen verantwortlich waren. Das führte zu einem Fahndungsaufruf des Landeskriminalamts Niedersachsen, der später sogar auf ganz Europa ausgeweitet wurde. Insgesamt rechnet das LKA Niedersachsen dem Trio zwölf Raubstraftaten in der Zeit zwischen 1999 und 2016 zu.

RAF-Rentner Klette, Garweg, Staub: Aufenthaltsort ist unbekannt

Der Verbleib der untergetauchten RAF-Rentner bleibt für die Ermittler ein großes Fragezeichen. „Dem LKA Niedersachsen sind keine möglichen Aufenthaltsorte der Gesuchten bekannt“, sagt Sprecherin Katrin Gladitz auf Anfrage von 24RHEIN. Der Umkreis der Raubtaten (siehe unten) lässt vermuten, dass es zumindest ein Versteck in Norddeutschland geben könnte.

Dazu passt, dass Waldarbeiter Mitte Januar 2021 in Niedersachsen ein mögliches RAF-Depot fanden. In dem vergrabenen Kunststoff-Fass hätten sich unter anderem Schriftstücke aus den achtziger Jahren sowie Behältnisse mit Flüssigkeiten befunden, teilte das LKA Niedersachsen damals mit. Das Fass habe offenbar Jahrzehnte unter der Erde gelegen.

Kurze Aufregung gab es im September 2016, als in den Niederlanden zwei Deutsche festgenommen wurden. Sie waren von Zeugen fälschlicherweise für die RAF-Terroristen gehalten worden. Neben diesem falschen Alarm war aber auch ein überwachtes Mobiltelefon der RAF-Rentner in den Niederlanden geortet und ein Schnipsel einer niederländischen Zeitung in einem Tatwagen gefunden worden. Auch in in Spanien, Frankreich und Italien hatten Ermittler nach dem Verbrecher-Trio gesucht.

So könnten die RAF-Rentner heute aussehen: Burkhard Garweg, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette.
So könnten die RAF-Rentner heute aussehen: Burkhard Garweg, Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette. Simulation des BKA. © BKA / dpa

RAF-Rentner: Ex-Terroristen hinterlassen keine Fingerabdrücke

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die Zeiten des linken Terrors bei den drei Gesuchten vorbei ist. Sie würden nur noch rauben, um sich ihren Lebensunterhalt im Untergrund zu verdienen, heißt es. Ihre Vorgehensweise bleibt aber brutal. Neben den „normalen“ Schusswaffen kommt mitunter auch eine Panzerfaust zum Einsatz (siehe Überfälle unten).

Ein weiteres Merkmal: Die Überfälle des Trios sind genau geplant. Sie hinterlassen keine Fingerabdrücke, benutzen wohl meist Handschuhe und, wenn es sonst zu auffällig gewesen wäre, Sprühpflaster. Dennoch konnten Ernst-Volker Wilhelm Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette immer wieder Raubüberfälle zugeordnet werden: Abgestorbene Hautpartikel und ausgefallene einzelne Haare am Tatort ließen sich nicht verstecken.

Es ist möglich, dass die RAF-Rentner auf Netzwerke von anderen terroristischen Vereinigungen in Europa zurückgreifen, zum Beispiel der baskischen ETA oder der Roten Brigaden in Italien. Aber: „Zu möglichen Unterstützern können aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben gemacht werden“, sagt LKA-Sprecherin Gladitz.

RAF: Ernst-Volker Staub – Zähne als besonderes Merkmal

Diese Aufnahme zeigt mit hoher Wahrscheinlichkeit Ernst-Volker Staub.
Diese Aufnahme zeigt mit hoher Wahrscheinlichkeit Ernst-Volker Staub. © LKA Niedersachsen

Ernst-Volker Staub studierte Sprach- und Rechtswissenschaften, wurde jedoch nach 13 Semestern zwangsexmatrikuliert. Er tauchte spätestens im Juni 1983 ab. 1984 wurden er und fünf andere Personen in einer konspirativen Wohnung der RAF in Frankfurt verhaftet. Staub wurde wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu vier Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe tauchte er 1990 erneut ab. Besonderes Merkmal Staubs sind seine ungepflegten Zähne.

Ernst-Volker Staub
Geburtsdatum:30.10.1954
Größe:1,83 m
Augenfarbe:blau-grau
Merkmale:Muttermale am Rücken, Verbrennungsmale Schulter links, ungepflegte Zähne

RAF: Burkhard Garweg – Eltern wünschten sich Wiedersehen

Aufnahme einer Überwachungskamera, die mutmaßlich Burkhard Garweg zeigt.
Diese Aufnahme zeigt mutmaßlich Burkhard Garweg und wurde 2016 von einer Überwachungskamera gemacht. © LKA Niedersachsen

Burkhard Garweg stieß nach Erkenntnissen der Ermittler über die linksradikale Szene in der Hamburger Hafenstraße zur RAF. Seine besonderen Merkmale sind die große Nase und das spitze Gesicht. Die Bild sprach im Jahr 2016 mit Garwegs Eltern. Sein kranker Vater wünsche sich nichts sehnlicher, als den Sohn noch einmal zu sehen, hieß es. Offenbar habe es Versuche gegeben, Kontakt zum Sohn aufzunehmen – erfolglos.

Burkhard Garweg
Geburtsdatum:01.09.1968
Größe:ca. 1,80 m
Augenfarbe:blau
Merkmale:große Nase, spitzes Gesicht

RAF: Daniela Klette – kein aktuelles Foto vorhanden

Bild von Daniela Klette aus den Jahren zwischen 1984 und 1989.
Dieses Bild von Daniela Klette wurde zwischen 1984 und 1989 gemacht. © LKA Niedersachsen

Daniela Klette gehörte 1978 zur „Roten Hilfe“ in Wiesbaden, die sich um die Belange von inhaftierten RAF-Gefangenen kümmerte. Sie war oder ist nach Ermittler-Erkenntnissen Staubs Lebensgefährtin. Daniela Klette ist die einzige der RAF-Rentner, von der es kein aktuelles Foto gibt. Die neuesten Lichtbilder sind mindestens 30 Jahre alt. 2016 interviewte die Bild auch Klettes Mutter. Diese gab an, ihre Tochter sei vom einen auf den anderen Tag verschwunden. Von der RAF-Mitgliedschaft habe sie im Radio gehört, so die Mutter. Sie gehe davon aus, dass ihre Tochter tot sei.

Daniela Klette
Geburtsdatum:05.11.1958
Größe:ca. 1,65 m
Augenfarbe:dunkel
Merkmale:Muttermale im Gesicht. Von ihr gibt es kein aktuelles Foto.

Corona: RAF-Rentner Staub, Burkhard und Klette geimpft oder erkrankt?

Doch wieso ist es so schwer, Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette zu schnappen? „Die Gesuchten leben bereits seit mehreren Jahrzehnten im Untergrund“, sagt LKA-Sprecherin Gladitz. Soll bedeuten: Sie haben sich an das Leben „inkognito“ gewöhnt und ihre Versteck-Mechanismen perfektioniert. Mit Hinweisen von alten RAF-Weggefährten ist nicht zu rechnen, das Kollektiv schweigt eisern. Ein weiterer Faktor: „Hinweise aus der Bevölkerung haben bisher nicht zur Lokalisierung der Täter geführt“, so Gladitz. Nach dem europaweiten Fahndungsaufruf im Jahr 2020 seien genau 101 Hinweise beim LKA Niedersachsen eingegangen. Doch keiner brachte den Durchbruch in den Ermittlungen.

Könnte das Coronavirus bei der Fahndung helfen? Staub, Burkhard und Klette befinden sich im Corona-Risikoalter, greifen im Zweifel ebenso auf Impfungen zurück wie der „Normalbürger“ und könnten digitale Spuren hinterlassen. LKA-Sprecherin Gladitz bleibt nüchtern: „Über die medizinische Versorgung der drei Gesuchten liegen dem LKA Niedersachsen keine Erkenntnisse vor.“

Die Rote Armee Fraktion (RAF)

Die RAF war eine linksextreme terroristische Vereinigung aus Deutschland. Sie wurde am 14. Mai 1970 von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler, Ulrike Meinhof und weiteren Personen gegründet und hatte bis zu 80 Mitglieder. Die RAF war verantwortlich für 33 oder 34 Morde, unter anderem an Führungskräften aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Außerdem verübte die Terrororganisation mehrere Geiselnahmen, Banküberfälle und Sprengstoffattentate mit über 200 Verletzten. Zu den bekanntesten Taten gehört die Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Insgesamt 24 Mitglieder und Sympathisanten der RAF kamen durch Fremdeinwirkung, Suizid oder Hungerstreik ums Leben. Am 20. April 1998 kündigte die Terrororganisation in einem achtseitigen Schreiben ihre Auflösung an.

RAF-Rentner Staub, Burkhard und Klette: Bekannteste Überfälle

gesuchte mutmaßlichen RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg.
Da waren sie noch jung: Die gesuchten mutmaßlichen RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg. © BKA /dpa

Neben den Überfällen war das Trio auch federführend für die letzte große Straftat der RAF: 1993 wurde ein Bombenanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Weiterstadt in Hessen verübt. In der noch nicht in Betrieb genommenen JVA explodierten 200 Kilogramm Sprengstoff, es entstand ein Sachschaden in Höhe von 80 bis 90 Millionen Mark. Menschen wurden beim Anschlag nicht verletzt.

Zunächst wurde das RAF-Trio auch mit dem Überfall auf einen Geldtransporter am Flughafen Köln/Bonn vom 6. März 2019 in Verbindung gebracht. Erste Anhaltspunkte bestätigten sich aber nicht, später kam heraus: Für diesen und andere Überfälle war der Reemtsma-Entführer Thomas Drach verantwortlich.

BKA warnt vor Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg, Daniela Klette

Mit den obigen Fotos sucht das LKA Niedersachsen nach den drei Verbrechern. Das LKA weist darauf hin, dass das Trio sein Äußeres derart verändert haben könnte, dass die Erscheinungen keine Ähnlichkeit mehr mit den Fahndungsbildern aufweisen. Das LKA rät dringend davon ab, an die Gesuchten heranzutreten. Sie könnten bewaffnet sein.

Für Hinweise, die zur Ergreifung von Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette führen, ist eine Belohnung von 80.000 Euro ausgeschrieben. Hinweise bitte an das LKA Niedersachsen unter 0511/26262-7400 oder an jede andere Polizeidienststelle. (mah) Mehr News auf der 24RHEIN-Homepage. Tipp: Täglich informiert, was passiert – einfach unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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