Hatte Goethe den Beat im Kopf? „Erlkönig“ zurück in Musik-Charts

Goethes Ballade „Erlkönig“ hält Literaturwissenschaftler bis heute auf Trab. Aber auch Musiker interpretieren das Gedicht immer wieder neu. Gerade hat die düstere Geschichte wieder die Charts erreicht.
Johann Wolfgang von Goethe würde sich im Grabe herumdrehen. Oder doch nicht? Vielleicht würde er sich wundern, wie sehr moderne Techno-Musiker die Stimmung und die Aussagen seines „Erlkönig“ getroffen haben.
Fest steht: Goethes 1782 verfasste berühmte Ballade macht gerade wieder Karriere in den deutschen Musikcharts und sozialen Netzwerken. Nicht in der klassischen Vertonung von Franz Schubert mit ihren stürmisch nach vorn drängenden Klavier-Triolen. Sondern als Techno-Song in gleich zwei Versionen: Die Variante von Lūcadelic findet sich seit Januar in den Top Hundert und verzeichnet auf Youtube 2,1 Millionen Abrufe. Das Techno-Remix von Blondee hat auf YouTube rund 500 000 Abrufe.
Auswendiglernen von Goethes Gedichten fällt leichter
„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“: Deutschlands Musikfans lieben offenbar Goethe. Die Kommentare der Youtube-Nutzer zu den beiden „Erlkönig“-Fassungen, die das Gedicht im Originaltext transportieren, sind jedenfalls begeistert.
„Endlich hab ich es geschafft, das auswendig zu lernen. Es hat über 20 Jahre gedauert“, schreibt ein User. „Mein Opa, Gott hab ihn selig, hat dieses Gedicht früher oft vorgetragen, als ich ein Kind war“, erinnert sich ein anderer. Und ein Dritter fragt sich: „könnte es sein das goethe damals den Beat im kopf hatt?“ (Originaltext)
Keine Frage, Goethes Gedicht bietet einiges, was Musiker gut umsetzen können: das Schauerliche, Dämonische und Dramatische vor allem. Der panische Ritt des Vaters durch die Nacht; die fiebrigen Fantasien des kranken Sohnes in seinen Armen, der sexuelle Übergriff des Elfenkönigs und seiner Töchter: Generationen von Literaturexperten haben die Ballade interpretiert. Und die Musiker haben es ebenso versucht.
Artikel der KNA
Dieser Artikel stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Goethe mochte Schuberts Vertonung nicht
Musikalische Versionen des „Erlkönigs“ gibt es unzählige: Die berühmteste ist wohl Franz Schuberts 1815 geschriebenes und 1821 uraufgeführtes Lied. Wobei Goethe die heute so gerühmte Vertonung wohl nicht besonders mochte und seine Lautmalerei beklagte: „Töne durch Töne zu malen: zu donnern, zu schmettern, zu plätschern und zu patschen, ist detestabel“, wird der Dichterfürst zitiert. Auch von Ludwig van Beethoven existieren einige Skizzen zu einer Vertonung.
Selbst die moderne Popmusik hat sich des klassischen Stoffes angenommen: Die Ballade wurde sowohl als Folk-Version als auch als A-cappella-Stück, Rap und (Hard-)Rock vertont. Die Metalband Rammstein übertrug den Goethe-Stoff auf eine bedrohliche Flugreise und sang: „Ein Flugzeug liegt im Abendwind / An Bord ist auch ein Mann mit Kind. / Sie sitzen sicher, sitzen warm / Und gehen so dem Schlaf ins Garn.“