Opa war NSDAP‑Mitglied – aber war er auch Nazi?

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Von: Christoph Arens

Kinder im Nationalsozialismus beim Fahnenappell in einem Lager der Neudeutschen, einer Vereinigung von Schülern innerhalb des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend
„Ich glaube nicht, dass Opa ein überzeugter Parteigenosse war“ © KNA-Archiv

Wer wissen will, was die eigenen Vorfahren im Nationalsozialismus getan haben, kann jetzt in US-Archiven relativ einfach nachforschen. Die NS-Mitgliederdateien sind für alle zugänglich. Eine persönliche Spurensuche.

Seit heute lässt es sich nicht mehr bestreiten: Mein Großvater war Mitglied der NSDAP. Ein paar Klicks auf der Internetseite des US-amerikanischen Nationalarchivs, Namen und Vornamen in Anführungsstrichen in der Suchmaske eintragen. Und nach einer etwas umständlichen Suche unter vielen Treffern gleichen Namens findet sich seine Mitgliedskarte mit seinem Geburtsdatum (25.04.01), dem Geburtsort, der beruflichen Funktion (Betriebsführer), dem Datum des Aufnahmeantrags (9.12.40), dem Datum der Aufnahme in die Nazi-Partei (1.6.41) und der Mitgliedsnummer (7.666.866).

Erstmals hat das US-Nationalarchiv jetzt die Mitgliedskarteien der NSDAP – der mikroverfilmten NSDAP-Zentralkartei sowie der NSDAP-Ortsgruppenkartei – vollständig ins Netz gestellt und für jeden zugänglich gemacht. Damit stehen künftig mehr als 16 Millionen digitale Objekte frei zur Verfügung. Ohne vorherige Anmeldung kann sich jeder Interessierte durch die bisweilen heiklen Einträge klicken. Beide Karteien waren den amerikanischen Soldaten 1945 in München in die Hände gefallen und gelangten schließlich nach Westberlin, wo sie bei der Suche nach NS-Verantwortlichen und bei Kriegsverbrecherprozessen genutzt wurden.

Begrenzte Einsichten in die NSDAP-Vergangenheit

Doch was bringt die Information? Der Berliner Historiker Johannes Spohr betont im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), dass der jetzt mögliche erleichterte Zugang zu den Archiven nur begrenzte Einsichten ermöglicht. „Eine einfache Karteikarte mit wenigen Daten zur Parteimitgliedschaft kann ja nur ein Anfang für eine Recherche sein“, sagt der Gründer des Recherchedienstes „present past“ zum Nationalsozialismus in Familie und Gesellschaft. Fragen nach der konkreten Überzeugung und Weltanschauung des Familienmitglieds seien damit ebenso wenig beantwortet wie konkrete Taten ermittelt.

Spohr sieht durch die Öffnung der US-Daten eine „Demokratisierung“: Jeder Hobbyforscher könne in dem US-Archiv nicht nur über Verwandte, sondern auch über Nachbarn, ganze Orte oder öffentliche Personen recherchieren. „Das birgt durchaus Sprengstoff“, sagte er.

Akten der Nazis auch im Bundesarchiv

Ganz neu ist die Sache nicht: Schon seit 1994 sind die Dateien auch im Bundesarchiv in Berlin verfügbar, wie Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, betont. Allerdings seien die Hürden der Nutzung höher. In Berlin-Lichterfelde liegen mehr als 12,7 Millionen Karteikarten aus dieser Ära – darunter auch Informationen zu Mitgliedschaften in Parteigliederungen wie SS und SA, die im US-Archiv bislang nicht erhältlich sind. Jährlich würden rund 75 000 Personen-Anfragen zur NSDAP, zur Wehrmacht und zu weiteren Organisationen bearbeitet, teilte das Archiv mit.

Allerdings muss man dort einen Antrag und Anfragen zu konkreten Personen stellen. Mitarbeiter des Bundesarchivs suchen dann die entsprechenden Karteikarten heraus und schicken Scans an Enkel oder Urenkel. Wissenschaftler haben mehr Rechte. Und es gibt Schutzfristen, betont Pressesprecher Elmar Kramer: Persönlichkeitsrechte einzelner NSDAP-Mitglieder erlöschen beim Bundesarchiv erst zehn Jahre nach dem Tod einer Person oder 100 Jahre nach ihrer Geburt. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die Nazi-Partei nach Angaben des Deutschen Historischen Museums rund 8,5 Millionen Mitglieder. Bis 1944 waren zehn Millionen Mitgliedsnummern vergeben. 1945 war jeder fünfte erwachsene Deutsche Parteigenosse.

Opas NSDAP-Vergangenheit: Möglicher familiärer Sprengstoff 

Manche Karteikarte dürfte für Sprengstoff und Aufregung sorgen. In unserer Familie wurde bis vor Kurzem noch erzählt, der Großvater sei nie Parteimitglied gewesen. Doch es existiert in seinen Unterlagen ein Schreiben des Kreisleiters der NSDAP, in dem mein Großvater aufgefordert wurde, das Amt des Propagandaleiters in der Ortsgruppe zu übernehmen. Immer wieder hat er das abgelehnt: aus gesundheitlichen Gründen und wegen Arbeitsüberlastung.

Dieses Schreiben hat mich misstrauisch gemacht. Ein solches Amt bietet man doch nur jemandem an, der schon in der Partei ist? Und kürzlich fand ich auch einen Brief des Ortsgruppenleiters, in dessen Anschreiben mein Großvater als Pg (Parteigenosse) angesprochen wurde. Ein deutlicher Hinweis also, dass in meiner Familie lange eine Legende aufrechterhalten wurde.

Artikel der KNA

Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Späte NSDAP-Parteimitgliedschaft

Doch war mein Opa ein Nazi? Ich habe meinen 1984 gestorbenen Großvater als sehr frommen Katholiken kennengelernt, der nach dem Krieg unter anderem Amtsbürgermeister, CDU-Parteimitglied und Mitglied des Kirchenvorstands war. Ein Patriarch, der große Autorität ausstrahlte, autoritär sein konnte, sich aber als größter Arbeitgeber im Ort sehr für seine mehr als 100 Arbeiter und Angestellten einsetzte.

Ich glaube nicht, dass er ein überzeugter Parteigenosse war. Dagegen sprechen auch der späte Aufnahmeantrag und die hohe Mitgliedsnummer. Mein Opa hatte 1931 mit einem Partner eine im Zuge der Weltwirtschaftskrise in Konkurs gegangene Maschinenfabrik mit Eisengießerei übernommen. Mit der Nazi-Zeit begann der Aufschwung für den Hersteller von Heuwendern, Häckselmaschinen, Rübenschneidern oder schmiedeeisernen Rädern, weil der NS-Staat die Landwirtschaft stark förderte und Ernährungssicherheit zum großen Thema machte.  

Mit Kriegsbeginn wurde die Produktion auch auf Rüstungsgüter umgestellt. 1942 erhielt das Unternehmen zehn Ukrainerinnen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren. Mein Opa wurde wegen des kriegswichtigen Betriebs nicht eingezogen – stand aber offenbar verstärkt unter dem Druck, als „Betriebsführer“ in die Partei einzutreten. So jedenfalls erkläre ich mir die späte Mitgliedschaft.

Unterschiedliche Motive für Familienforschung zur Nazi-Vergangenheit von Angehörigen

Weitere Nachforschungen in Familienakten, Archiven und bei Zeitzeugen wären also nötig. Historiker Spohr rechnet damit, dass die Recherche zur NS-Zeit in Archiven in den kommenden Jahren zunehmen wird. „Weil die Zeitzeugen aussterben, werden sich immer mehr Menschen in den Archiven informieren wollen“, sagte er.

Die Motivation dafür schätzt Spohr sehr unterschiedlich ein: Der Renteneintritt der Babyboomer und die Frage, was sie jüngeren Generationen hinterlassen wollen, spiele eine wichtige Rolle. Andere hätten einfach ein politisches Interesse. Bei manchen gebe es Befürchtungen, dass es im familieneigenen Betrieb Zwangsarbeit gab.

Manche hätten vielleicht Geld oder Gegenstände geerbt und fürchteten nun, dass dieses Erbe belastet sein könnte. Spohr sieht aber auch ganz andere mögliche problematische Motive: Auch Rechtsradikale könnten die Karteikarten nutzen, um mit Stolz auf ihre Familiengeschichte hinweisen zu können.

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