Mitte des Jahrhunderts sterben bis zu elf Gletscher täglich – Forschende rufen zum Handeln auf

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Von: Carmen Mörwald

Eine neue Studie zeigt dramatische Zahlen zum Gletschersterben auf. Zwischen 2000 und 4000 Gletscher könnten jährlich verschwinden.

Frankfurt – Bis zu 4000 Gletscher werden Mitte des Jahrhunderts pro Jahr verschwinden – das sind bis zu elf Gletscher täglich. Zu diesem dramatischen Ergebnis kommt eine Modellierungsstudie, die heute (15. Dezember 2025) in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde. Die Forschenden um Lander Van Tricht haben dabei mehr als 200.000 Gletscher weltweit analysiert und ein neues Konzept eingeführt: „Peak Glacier Extinction“ – den Zeitpunkt, an dem die meisten Gletscher verschwinden.

Aufnahmen aus der Gletscherhöhle an der Vorderseite des Morteratschgletschers im Oktober 2025. Diese Höhlen sind ein deutliches Symbol für die Verlangsamung und den Zerfall des Gletschers.
Forschende warnen in einer neuen Studie vor der „Peak Glacier Extinction“. © Lander Van Tricht

Die Berechnungen zeigen: Wann und wie stark dieser Peak auftritt, hängt direkt davon ab, wie intensiv sich die Erde erwärmt – und damit von Entscheidungen, die heute getroffen werden. Die mögliche Differenz zwischen dem Verlust von 2000 und 4000 Gletschern jährlich zur Jahrhundertmitte sei eine Frage der Klimapolitik, argumentieren die Forschenden.

2000 bis 4000 verschwindende Gletscher pro Jahr: Diese Folgen hat der Klimawandel

Das Konzept des „Peak Glacier Extinction“ beschreibt das Jahr, in dem die größte Anzahl von Gletschern verschwindet. Die Studie hat vier Erwärmungsszenarien durchgespielt: 1,5 Grad, 2,0 Grad, 2,7 Grad und 4,0 Grad über dem vorindustriellen Niveau bis 2100. Das Ergebnis: Bei einer Erwärmung um 1,5 Grad würde der Peak bereits 2041 erreicht – mit etwa 2000 verschwindenden Gletschern pro Jahr.

Ein Einsturzmerkmal der Gletscherzunge des Morteratschgletschers in der Schweiz.
Ein Einsturzmerkmal der Gletscherzunge des Morteratschgletschers in der Schweiz. © Lander Van Tricht

Paradoxerweise tritt der Peak bei stärkerer Erwärmung später ein. Unter einem 4,0-Grad-Szenario könnte er erst Mitte der 2050er Jahre erreicht werden, dann aber mit bis zu 4000 Gletschern jährlich. Der Grund: Die stärkere und längere Gletscherschmelze lässt auch große Gletscher erst später komplett verschwinden.

Die Studie zeigt auch: Nicht alle Regionen sind gleich vom Gletschersterben betroffen. Gebiete mit vielen kleinen Gletschern wie die Alpen und die Subtropischen Anden werden frühe Peaks erleben. Die Studie prognostiziert, dass dort 50 Prozent der Gletscher bereits in den nächsten zwei Jahrzehnten verschwinden könnten. Regionen mit größeren Eisschilden wie Grönland und die Antarktis-Peripherie werden den Peak der Gletscherschmelze voraussichtlich erst später im Jahrhundert erreichen.

Das große Gletschersterben: Forschende rufen Politik zum Handeln auf

Das Verschwinden von Gletschern hat weitreichende Konsequenzen, die über den Anstieg des Meeresspiegels hinausgehen. Gletscher haben in manchen Gemeinschaften kulturelle und spirituelle Bedeutung, ziehen jährlich Millionen Besucherinnen und Besucher an und sind eine wichtige Wasserquelle für flussabwärts gelegene Regionen. Die Studienautorinnen und -autoren betonen, dass die Erkenntnisse einen Wendepunkt in der Gletscherentwicklung markieren – mit Auswirkungen auf Ökosysteme, Wasserressourcen und kulturelles Erbe.

Das Eis schmilzt unaufhörlich

Durch den Klimawandel schmelzen die Eisschilde Grönlands und der Antarktis. In der Folge könnte der Meeresspiegel bis 2100 um bis zu einen Meter ansteigen. Besonders kritisch: Im Zusammenspiel von Klima und Eisschilden kann es zu Instabilitäten kommen, jenseits derer ein Eisschild unumkehrbar abschmilzt. Solche Kipppunkte werden noch erforscht – für die Westantarktis ist eine solche Schwelle aber möglicherweise schon überschritten, berichtet die Max-Planck-Gesellschaft.

Das zentrale Ergebnis der Studie: Eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad könnte die Anzahl der Gletscher, die bis 2100 erhalten bleiben, mehr als verdoppeln im Vergleich zu einem 2,7-Grad-Erwärmungsszenario. Bei 4,0-Grad Erwärmung droht ein nahezu vollständiger Verlust. Künftige Forschung können die Prognosen verfeinern – aber der Unterschied zwischen 2000 und 4000 jährlich verschwindenden Gletschern Mitte des Jahrhunderts hänge allein von den klimapolitischen Entscheidungen von heute ab, so die Forschenden. (Quellen: Nature, Max-Planck-Gesellschaft) (cln)

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