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Afghan Diary: 100 Tage nach Machtübernahme der Taliban – Die Reise nach Kabul

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Was nimmt man mit in ein Land, in dem ein Großteil der Menschen akut vom Hunger bedroht ist? Und wie ist das Leben dort 100 Tage nach der Taliban-Eroberung? Die Journalistin Natalie Amiri berichtet.

München/Kabul – Ich habe viel zu viel Gepäck dabei. Nicht für mich. Meine Sachen beschränken sich auf zwei langärmlige T-Shirts und eine Jeans. Ich habe Freunde gefragt, ob sie warme, gute Kleidung haben, die sie nicht mehr brauchen. In Afghanistan kann es bitterkalt werden im Winter. Ich erinnere mich an meine vergangenen Reisen vor ein paar Jahren – ich habe ständig gefroren. Es ist Ende November, nachts hat es bereits Minusgrade. Viele leben auf der Straße, die Zahl steigt. Mein Producer vor Ort sagt mir, „oh Natalie, wenn Du Kleidung mitbringst, dann dürfen wir sie nur unauffällig verteilen, denn wenn sie merken, dass es umsonst warme Kleidung gibt, dann würden sie uns überrennen“. Es werden immer mehr, die nichts haben.

Was packt man ein, wenn man in ein Land reist, in dem über 22,8 Millionen Menschen von Armut und Hunger bedroht sind, das Land kurz vor dem Kollaps steht? Die UN warnt vor einer der schlimmsten humanitären Katastrophen.

Als ich im Syrienkrieg 2014 in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Aleppo drehte, starrten die Frauen, die ich in ihrem löchrigen Zelt, in dem sie untergekommen waren, interviewte, auf meine Finger. Die Kinder spielten neben uns mit einem Luftballon, er war nicht aufgeblasen. Es war ihr einziges Spielzeug. Mehr hatten sie nicht. Mit leuchtenden Augen erklärten mir die Frauen auf arabisch, wie wunderschön mein roter Nagellack sei. In diesem Moment hätte ich am liebsten eine ganze Tasche voller roter Nagellacke dabeigehabt.

Roten Nagellack für Kabul habe ich nicht gekauft. Als ich schon im Flugzeug sitze, schreibt mir ein Freund: Lege in Afghanistan deinen Schmuck ab. Die Taliban haben das Tragen von Schmuck, Make-up und hohen Absätzen untersagt.

Natalie Amiris Afghanistan-Tagebuch: Nicht mit leeren Händen – Reise in ein Land, das akut von Hunger bedroht ist

Ich habe drei Koffer für Kabul gepackt, sie sind jetzt voll mit warmer Kleidung und Schokolade. Mein Producer vor Ort sagte mir, ich solle Schokolade in kleinen Stückchen abgepackt mitbringen, ich wüsste ja, es gäbe so viele Kinder in Afghanistan*.

Wenn ich auf Reisen gehe, die nicht ganz ungefährlich sind, dann höre ich oft auf mein Bauchgefühl und auf „Jas“ oder „Neins“, die sich mir oder der Reise in den Weg stellen. Ein „Ja“ bekam ich am Flughafen in München. Ich hatte natürlich Übergepäck. Ich appellierte an den Herren der Fluggesellschaft, dass diese extra Kilos für einen guten Zweck wären und sie mich dafür nicht extra zahlen lassen sollen. Meine Bitte wurde abgewiesen.

AfghanDiary: Die internationale Korrespondentin Natalie Amiri ist 100 Tage nach der Machtübernahme der Taliban nach Afghanistan gereist.
AfghanDiary: Die internationale Korrespondentin Natalie Amiri ist 100 Tage nach der Machtübernahme der Taliban nach Afghanistan gereist. © N. Amiri/N. Bruckmann/M. Litzka/afp

Dann begann er minutenlang in den Computer zu tippen. Nach gefühlt einer Ewigkeit sah mir der Mann am Schalter fest in die Augen und sagte, ob ich ihm bestätigen könne, dass sich im zweiten Koffer ausschließlich Golfausrüstung befände. Ich bestätigte und durfte den zweiten Koffer umsonst mitnehmen. Den dritten nahm ich als Handgepäck mit. Es ist immer dasselbe, anstatt mich ausschließlich auf die Berichterstattung zu konzentrieren, muss ich bei jeder Reise immer mehrere Aktionen gleichzeitig ausführen. Ich könnte nie mit leeren Händen in ein Land reisen, in dem die Not so groß ist.

Afghanistan-Tagebuch: 100 Tage nach der Eroberung durch die Taliban – wie ist die Situation vor Ort?

In Abu Dhabi stehen hinter mir nur Männer, alle wollen nach Kabul einchecken. Bärtige Männer, in traditioneller Kleidung, viele in Schlappen. Kam Air fliegt wieder zivil. Ich sehe wirklich nur Männer, welche Frau möchte auch zu diesem Zeitpunkt wieder zurück ins Land, frage ich mich. Dann bemerke ich, dass mit mir doch noch drei weitere Frauen fliegen und ich muss innerlich lachen – denn es spielt sich vor meinen Augen eine für mich sehr gewohnte Szene ab, die ich aus dem Iran und von den iranischen Frauen gewohnt bin. Sie sind forsch. Die Frauen.

Die drei, alle einzeln reisend, gehen schnurstracks an der Schlange der meist bärtigen Männer vorbei und checken ein. Man könnte sagen, sie drängeln sich vor. Weil sie es aber Männern gegenüber tun, die in ihrem Land das Sagen haben und sie unterdrücken, sind wir ehrlich, finde ich es gut. Und vermutlich der ein oder andere, der diesen Text liest auch. Würde dies in Deutschland passieren, hätte man dafür vermutlich weniger Verständnis, geschweige denn ein Gefühl des Frohlockens.

Das Flugzeug hebt ab. Endlich. Ich werde in Kabul landen, trotz aller Warnungen von meinem gesamten Umfeld, dass es viel zu gefährlich sei, als Frau allein in das Land zu reisen. Aber ist das nicht genau die Aufgabe von Journalisten? Ich möchte wissen, wie es ist, knapp 100 Tage nach der Machtübernahme der Taliban. Ich möchte mit Frauen sprechen, die Todesangst haben und sich verstecken, Soldaten fragen, warum sie nicht gegen die Taliban* gekämpft haben, so schnell aufgaben. Ich habe auch vor, den Sprecher der Taliban, Zabiollah Mujahed, zu fragen, wie die zukünftige Politik der Taliban aussehen wird. Und ich möchte unbedingt wissen, wie man Taliban wird. Und wie sich die Kämpfer, die jahrelang aus dem Untergrund agierten, jetzt fühlen. Mächtig?

Ankunft am Kabuler Flughafen: Erinnerung an den Fall des Landes und den eiligen Abzug des Westens

Der Landeanflug hat begonnen. Ich bin drei Stunden über Gebirge geflogen. 75 Prozent der Landfläche Afghanistans besteht aus unzugänglichen Gebirgszügen, es dauert manchmal Tage, um von einer Stadt in die nächste zu kommen. Die Geschichte hat es zig Mal bewiesen: Es ist enorm schwieriges Terrain für ausländische Mächte, hier Fuß zu fassen und ideal für den Guerillakampf. Deshalb sagt man auch, Afghanistan sei ein Friedhof für Invasoren.

Die Bilder des chaotischen dramatischen Abzugs der internationalen Staatengemeinschaft vom August 2021, allen voran den USA, sind noch sehr lebendig. Unrühmlicher kann man ein Land nicht verlassen.  

Natalie Amiri, Afghanistan-Tagebuch

Schon Alexander der Große meinte: Es sei leicht nach Afghanistan reinzukommen, aber nicht leicht, sein Heer wieder rauszubringen. Die Briten erfuhren im 19. Jahrhundert eine verheerende Niederlage, als sie versuchten, das russische Zarenreich aus Zentralasien zurückzudrängen. 70.000 Mann waren damals einmarschiert, ein einziger überlebte. Dieser sollte den Briten die Meldung über die gefallenen Soldaten überbringen. Und auch die Sowjetunion musste nach zehn Jahren 1989 wieder abziehen. Die Bilder des chaotischen dramatischen Abzugs der internationalen Staatengemeinschaft vom August 2021, allen voran den USA, sind noch sehr lebendig. Unrühmlicher kann man ein Land nicht verlassen.

Afghanistan: Binnenstaat, der an Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, China und Pakistan grenzt

HauptstadtEinwohnerzahlStaatsstrukturWährungSprachenFläche
Kabul38,93 Millionen (2020)Islamische RepublikAfghaniPaschtunische Sprache, Dari652.860 km²

Das Flugzeug, in dem ich sitze, beginnt mit dem Sinkflug. Ich sehe den Flughafen Kabul. Den Ort, der wohl in der Erinnerung der Afghanen für immer traumatisch behaftet bleiben wird. Verbunden mit der Erinnerung daran, dass die Taliban Afghanistan in nur wenigen Wochen, fast widerstandlos, eingenommen haben. Eine Erinnerung an die Tage, an denen der Westen das Land auf halber Strecke stehen ließ, der afghanischen Bevölkerung den Rücken zuwandte und sie allein ließ. Ich lande. (Natalie Amiri) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

7 Tage in Afghanistan: Afghan Diary von Natalie Amiri 

Uns allen sind die tragischen Bilder der Tage um den 30. August 2021 noch vor Augen, die den Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan begleiteten. Tausende Menschen versuchten verzweifelt am Flughafen von Kabul in eines der Flugzeuge gen Westen zu gelangen, um auszureisen. Sie wollten nicht in einem wieder von den Taliban regierten Afghanistan leben. Die Wenigsten hatten das Glück, einen Platz an Bord zu bekommen. 

Seitdem regieren die Taliban das zerrissene und verarmte Land, dem nicht wenige Beobachter für diesen Winter eine humanitäre Katastrophe voraussagen. Natalie Amiri, internationale Korrespondentin, hat während ihres jüngsten Recherche-Aufenthaltes für ihr neues Buch (erscheint am 14.03.2022 ) in Afghanistan ein eindrucksvolles Tagebuch geführt. IPPEN.MEDIA veröffentlicht das Tagebuch ihrer Reise in sieben Teilen sowohl online als via Print in einigen Titeln wie dem Münchner Merkur oder der Frankfurter Rundschau.

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