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NRW-Wahl: „CDU ist zurück“ – damit könnte sich Friedrich Merz gewaltig irren

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Von: Michael Hirz

Friedrich Merz mit modischer Brille in einem blauen Anzug,  hellblauer Krawatte
CDU-Vorsitzender Friedrich Merz © Michael Kappeler / dpa

Das gute Abschneiden der CDU bei der NRW-Wahl kann nicht überdecken, dass die Union bei den jüngeren bürgerlichen Metropolen-Wählern drastisch an die Grünen verliert. Das sollte zu denken geben, findet unser Gastautor Michael Hirz.

Vielleicht ist das eigentlich nachhaltige Ergebnis der NRW-Landtagswahl, dass sie das politische Lagerdenken auch in Nordrhein-Westfalen endgültig auflöst. Kaum irgendwo sonst überlebte der parteipolitische Stellungskrieg so lange wie im Land zwischen Rhein und Weser: Hier Rot-Grün, dort Schwarz-Gelb – das wird möglicherweise schon bald Vergangenheit sein, sollte es Hendrik Wüst gelingen, eine Koalition mit den Grünen um Mona Neubaur zu schmieden. Das wäre ein Anschluss an die Gegenwart, wie sie andernorts – von Stuttgart bis Kiel – längst undramatischer Alltag ist.

CDU: „Vertreibung aus dem bürgerlichen Wohnzimmer“

Köln ist da schon weiter. Die Zusammenarbeit zwischen Schwarz und Grün gibt es schon länger – was den Grünen offensichtlich besser bekommen ist als den Unionschristen. Geradezu dramatisch aus Sicht der CDU ist der Verlust ihrer Wählerhochburgen in der Stadt. Für eine Partei, die im Selbstverständnis die bürgerliche Partei ist, kommt es geradezu der Vertreibung aus ihrem Wohnzimmer gleich, in einem Stadtbezirk wie Köln-Lindenthal zulasten der Grünen auf die Plätze verwiesen zu werden.

Sicher, da war auch noch Ursula Heinen-Essers Mallorca-Ausflug zur Unzeit, die der CDU in Köln bei dieser Wahl auf die Füße gefallen ist. Aber es scheint auch, dass personelles und inhaltliches Angebot der Union nicht zur Nachfrage einer Metropolen-Wählerschaft passte. Beim Kampf um die Mittelschicht, die Besserverdienenden und Bessergebildeten, sind die Grünen enorm erfolgreich.

NRW-Wahl: Grüne besetzen Mitte der Gesellschaft

Das landesweit überraschend gute Abschneiden der CDU überdeckt, dass die Christdemokraten ein strukturelles Problem haben. Denn längst sind die Grünen dabei, die Mitte der Gesellschaft zu besetzen – und vielleicht das Erbe der Union als bürgerliche Partei anzutreten. Für sie spricht nicht zuletzt die Demografie. Denn die treueste Stütze der Union sind die über 70-Jährigen, nur bei ihnen rangiert sie noch auf Platz eins. „Das ist für die CDU absolut eine Gefahr“, diagnostiziert Prof. Manfred Güllner, Chef des Forsa-Instituts.

Ähnlich wie die FDP, aber in viel stärkerem Maß, gewinnen die Grünen die Jungen für sich, weil sie offensichtlich Ton und Bedürfnisse eines sich neu formierenden Bürgertums treffen, Codes und Habitus besser verstehen. Hier steht der Union, in Köln deutlich stärker als in Land und Bund, eine Herkulesaufgabe bevor, um die CDU zu einer vitalen Großstadtpartei zu machen, die auch bei den Alterskohorten unterhalb der 70 eine attraktive Alternative ist.

Wahlsieg von Hendrik Wüst überdeckt Schwächen der CDU

Mit Hendrik Wüst hat die CDU erst einmal Zeit gewonnen. Sein Wahlsieg überdeckt die Schwächen der Christdemokraten im Bund, wo ihre Zustimmungswerte, wie Forsa ermittelt hat, auf niedrigem Niveau stagnieren. Er scheint, wie Daniel Günther in Kiel, ein Modernisierungsversprechen zu sein – das aber eingelöst werden will. Dem Satz von CDU-Chef Friedrich Merz („Die CDU ist zurück“) widerspricht Manfred Güllner unter Hinweis auf seine demoskopischen Erkenntnisse eindeutig: „Völlig irrig.“ Der Bundes-Einfluss auf die Wahl zum NRW-Landtag werde überschätzt.

Unser Gastautor Michael Hirz vom Kölner Presseclub war bis vor kurzem Programm-Geschäftsführer des Politik-Senders Phoenix und hat u. a. den „Internationalen Frühschoppen“ moderiert. Jetzt ist Michael Hirz freier Journalist, Kommunikationsberater und sitzt im Vorstand des Kölner Presseclub. Dieser Beitrag stammt aus dem Presseclub-Newsletter, den Sie hier abonnieren können.

NRW-Wahl: Wie kompatibel sind CDU und Grüne?

Jetzt wird sich zeigen müssen, wie sehr altes und neues Bürgertum zusammenpassen, wie unterschiedliche Werthaltungen in zentralen Fragen wie Innerer Sicherheit und Schulpolitik, Finanzen und Soziales kompatibel sind. Interessant ist in dem Zusammenhang eine Untersuchung der Uni Münster, wonach die Anhänger von CDU und Grünen sich wesentlich einiger sind als es die Programme der beiden Parteien nahelegen.

Bleibt der traurige Befund, dass die mit Abstand größte Partei bei dieser Landtagswahl die Partei der Nichtwähler war. Sie sind häufig dort zu Hause, wo der öffentliche Scheinwerfer nicht so genau hinreicht, in den Regionen und Stadtteilen, um die selbst in Zeiten der Wohnungsknappheit Immobilienmakler einen Bogen machen.

Nichtwähler: Entwicklung zur Demokratie ohne Demokraten verhindern

Es wird eine der großen Herausforderungen für alle Parteien sein, die Entwicklung hin zu einer Demokratie ohne Demokraten zu verhindern. Das betrifft, sieht man es geografisch, vor allem große Teile des Ruhrgebiets. Die wenigen Stimmen, die dort abgegeben wurden, gingen übrigens nicht an CDU und Grüne, von der FDP ganz zu schweigen. Aber dort, wo sie nicht gewählt worden sind, werden die voraussichtlichen Koalitionspartner CDU und Grüne investieren müssen.

Die gute Nachricht zum Schluss: Köln kann noch Vorbild sein. Nirgendwo sonst in Nordrhein-Westfalen war die Wahlbeteiligung höher als in Lindenthal, im Südwesten der Stadt. Hier, so scheint es, gehört das Wahlrecht zu den bürgerlichen Pflichten. (mh/IDZRW)

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