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Die Philosophie kehrt ins öffentliche Gespräch zurück – „es gibt kein Leben ohne Risiko“

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Von: Michael Hirz

Philosoph Julian Nida-Rümelin spricht bei der Digital X in Köln
Philosoph Julian Nida-Rümelin hier bei der Digital X in Köln. © Christoph Hardt / Imago

In einer Welt voller Versäumnisse und neuer Gefahren ist der Bedarf an Orientierung riesig. Das erklärt die Rückkehr der Philosophie ins öffentlich Gespräch, analysiert 24RHEIN-Gastautor Michael Hirz.

Köln – Was eine Krise ist, muss man Armin Laschet nicht lange erklären. Erst hatte er kein Glück, dann kam noch Pech dazu, könnte die Überschrift über seiner Kandidatur für das wichtigste politische Amt des Landes lauten. Doch neben den wenig beeinflussbaren Faktoren wie Glück und Pech geht es auch um beeinflussbare Größen, etwa Können und Mut, mit denen sich das Schicksal gestalten und nicht nur erdulden lässt.

Genau das, nämlich Gestaltungswillen und Kraft, wird von Angela Merkels Nachfolger (oder, wer weiß das schon in diesen turbulenten Zeiten, ihrer Nachfolgerin) gefordert sein, und zwar in einem Maße, wie selten zuvor in der Nachkriegs-Geschichte. Klimaschutz, Staatsverschuldung, schleppende Digitalisierung, Energiewende, Demografie – die Liste der Versäumnisse, Fehlentwicklungen und Gefahren ist innen- wie außenpolitisch gewaltig. Die bunten Versprechungen der wahlkämpfenden Illusionskünstler aller Parteien werden geräuschlos wieder eingemottet – same procedure as every Wahljahr. Denn Versprechen und Halten sind zwei grundverschiedene Dinge, das wusste der lebenskluge Rheinländer schon immer.

Dummerweise ducken sich aber die Gefahren und Risiken nicht so geschmeidig weg wie häufig die Politik. Was also tun? Wo ist der Kompass in einer säkularisierten Welt, der uns sicher durchs Problemdickicht führt? Der Bedarf an Orientierung in unübersichtlicher Zeit, soviel steht fest, ist riesig. Das erklärt nicht nur den Erfolg der Ratgeberliteratur, sondern auch die Rückkehr der Philosophie ins öffentliche Gespräch. Hier darf Köln einmal zurecht stolz sein, denn die Stadt ist seit 2013 Heimat der phil.cologne, des größten europäischen Philosophie-Festivals. Es ist keine esoterische Zusammenkunft von Elfenbeinturm-Sonderlingen, sondern ein putzmunterer Treff von Philosophen und Nicht-Philosophen, die im Gedankenaustausch über Politik, Wirtschaft, Theologie und Gesellschaft gemeinsam nach Wegen in eine gelingende Zukunft suchen.

„Wir sind angetreten, die Philosophie zurück auf den Marktplatz zu bringen. Also gerade raus aus einem rein akademischen, universitären Kontext und auch vor ein Publikum, das nicht notwendigerweise philosophisch vorgebildet ist“, beschreibt es der Programmchef des Festivals, Tobias Bock. Das scheint angesichts des Erfolgs der 9. Ausgabe der phil.cologne durchaus gelungen: 6.500 Gäste nutzten das Angebot, bei dem sich namhafte und medial präsente Philosophie-Stars mit anderen prominenten Gästen über die großen Fragen der Gegenwart unterhielten: Über die Pandemie ebenso wie über die Digitalisierung, über Identität ebenso wie über Umweltschutz. Eine Wohltat angesichts der Behandlung dieser Themen im gegenwärtigen Holzhammer-Wahlkampf und im überdrehten Twitter-Gewitter.

Unser Gastautor Michael Hirz

Der Publizist Michael Hirz war bis vor kurzem Programm-Geschäftsführer des Politik-Senders „Phoenix“ und hat u. a. den „Internationalen Frühschoppen“ moderiert. Jetzt ist Michael Hirz freier Journalist, Kommunikationsberater und sitzt im Vorstand des Kölner Presseclub. Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclub.

Julian Nida-Rümelin: „Wir müssen abweichende Meinungen ausghalten“

Ich habe im Rahmen des Festivals ein Gespräch mit dem Philosophen und Ethiker Julian Nida-Rümelin geführt, in dem es um den Umgang der Gesellschaft mit Risiken, namentlich mit Covid19 ging. „Corona zeigt, dass es kein Leben ohne Risiko gibt. Aber an andere, auch an große Risiken haben wir uns gewöhnt, akzeptieren sie und leben mit ihnen – vom Verkehr über gefährliche Sportarten bis zu bestimmten Energieformen.“ Auf neue Risiken wie die Corona-Pandemie reagierte die Gesellschaft verunsichert mit drastischen Einschränkungen, auch von Grundrechten. Das provozierte nach Ansicht von Nida-Rümelin zusätzliche Schäden, wirtschaftliche ebenso wie soziale und psychische. „Die haben wir zeitweise ausgeblendet.“ Hier müsse eine Gesellschaft rational und nicht emotional reagieren und sie müsse aushalten, dass Wissenschaft ihrem Wesen nach nicht eindeutig sein kann, sondern sich – wie jetzt bei Covid19 – auch immer wieder korrigieren müsse.

Herausforderungen wie Corona werden auch in Zukunft noch häufiger kommen. Ob Klimawandel oder neue Technologien, Leben bleibt gefährdet. Darum ist Besonnenheit Bürgerpflicht. Wir müssen abweichende Meinungen in der Wissenschaft, aber auch im öffentlichen Diskurs aushalten, niemanden diffamieren“, so das Plädoyer des renommierten Risikoethikers. Um der Komplexität von gesellschaftlichen Krisen gerecht zu werden, müsse gleich am Anfang schnell im Sinne eines Containment gehandelt werden, dann aber brauche es eine breite, offene Diskussion, an der alle relevanten Disziplinen, Politik und Öffentlichkeit zu beteiligen seien. (mh)

Das ist die phil.cologne

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