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Meinungsforscher hat düstere Prognose für CDU und SPD – „Zäsur mit noch nicht überschaubaren Folgen“

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Von: Michael Hirz

2020 Professor Manfred Güllner ist Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa.
Professor Manfred Güllner ist Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. © John Macdougall / dpa

Der renommierte Meinungsforscher Manfred Güllner glaubt nicht daran, dass CDU und SPD ihren Status als Volksparteien wiedererlangen können und nennt zwei Gründe.

Köln – Ein bisschen aus dem Blick geraten ist am Ende dieses Jahres ein Abschied, der in seiner ganzen Dimension vermutlich noch nicht richtig realisiert worden ist: Der Abschied von den Volksparteien. Das zumindest ist die Diagnose des Forsa-Chefs Prof. Manfred Güllner. Für den renommierten Meinungsforscher ist mit dem Ergebnis der Bundestagswahl vermutlich „das endgültige Ende der Volksparteien besiegelt“ worden. Das sei bei der Begeisterung über den reibungslosen Regierungswechsel, die euphorischen Erwartungen an die Ampel-Koalition und den dramatischen Kollaps der ehedem selbstbewussten Union schlicht verdrängt worden. „Bei der geringen Bindekraft von CDU und SPD besteht wenig Hoffnung, dass beide Parteien ihren früheren Status als Volksparteien wieder erlangen können.“

Professor Manfred Güllner, geboren 1941 in Remscheid*, ist Gründer und Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Forsa.. Er gründete das Unternehmen 1984, zuvor war er u.a. Direktor des Statistischen Amts in Köln.

Manfred Güllner: „Zäsur mit noch nicht überschaubaren Folgen“

Diese „Zäsur mit noch nicht überschaubaren Folgen“ (Güllner) ist der vorläufige Schlusspunkt eines „von den Parteien weitgehend ignorierten Vertrauens- und Bedeutungsverlusts“. SPD und dann auch die Union hätten zunehmend „ihre Fähigkeit verloren, heterogene Wählergruppen mit unterschiedlichen Interessen und Wertvorstellungen an sich zu binden.“ Zusammen wurden die ehemaligen Volksparteien bei dieser Wahl tatsächlich nur noch 37,8 Prozent aller Wahlberechtigten gewählt – in den 80er Jahren waren es noch über 80 Prozent.

SPD und CDU können bei jungen Wählerinnen und Wählern kaum punkten

Verschärft wird das Problem für Unions-Christen und Sozialdemokraten noch dadurch, dass sie bei jungen Wählern kaum punkten können. Hier liegen die links-ökologischen Grünen und die bürgerlich-wirtschaftsliberalen Freidemokraten deutlich vorne. Nur bei der Generation 70 und älter schafft es die Union noch, auf über 30 Prozent der Stimmen zu kommen. Eine günstige Prognose sieht definitiv anders aus. Was das alles für die Statik des politischen Systems, die Stabilität der Demokratie bedeutet, wird man sehen. Sicher ist nur: Mit der schleichenden Auszehrung der Volksparteien verabschiedet sich ein weiteres Kapitel der alten Bundesrepublik in die Geschichtsbücher.

Was heißt nun das Zerbröseln der Union für Nordrhein-Westfalen,* wo am 15. Mai 2022 die Landtagswahl NRW* ansteht? „In Düsseldorf wollen wir unsere erfolgreiche Regierungsarbeit fortsetzen“, sagt der kampferprobte Innenminister Herbert Reul* (CDU). „In Berlin muss sich die Union in der Opposition erneuern. Für beides braucht es die maximale Geschlossenheit unserer Partei. In Nordrhein-Westfalen zeigen wir bereits, wie das funktioniert und ich bin optimistisch, dass uns das auch im Bund gelingt.“ Angesichts der rasanten Schussfahrt in der Wählergunst im ablaufenden Jahr wirkt das allerdings ein wenig wie aufmunternder Zweck-Optimismus. (mh/IDZRW) *24RHEIN ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Unser Gastautor Michael Hirz vom Kölner Presseclub war bis vor kurzem Programm-Geschäftsführer des Politik-Senders Phoenix und hat u. a. den „Internationalen Frühschoppen“ moderiert. Jetzt ist Michael Hirz freier Journalist, Kommunikationsberater und sitzt im Vorstand des Kölner Presseclub. Dieser Beitrag stammt aus dem Presseclub-Newsletter, den Sie hier abonnieren können.

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