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Turbinen-Zoff bei Nord Stream 1: „Energie als Waffe“ - Trudeau erklärt Ausnahme bei Russland-Sanktionen

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Von: Marcus Giebel

Justin Trudeau (l.) und Wolodymyr Selenskyj sitzen sich an einem Tisch gegenüber
Uneinigkeit bei der Turbine für Nord Stream 1: Kanadas Premierminister Justin Trudeau (l.) muss dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wohl einiges erklären. (Foto von Trudeaus Kiew-Besuch Anfang Mai) © IMAGO / ZUMA Wire

Deutschland muss wegen seiner Abhängigkeit von Russland hoffen, dass Wladimir Putin weiter Gas liefert. Auch deshalb entbrennt ein Streit zwischen Kanada und der Ukraine.

München - Wladimir Putin stellt die westliche Welt mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine auf eine harte Probe. Denn in diesen Wochen und Monaten muss sich zeigen, wie belastbar die Solidarität von Ländern wie Deutschland und anderen EU-Staaten wirklich ist. Gerade in Bezug auf die Abhängigkeit vieler europäischer Nationen von den russischen Rohstofflieferungen. Schon seit Beginn der Invasion wird nicht nur in Berlin sorgfältig abgewogen, in welchem Ausmaß die Ukraine unterstützt wird.

Auch wird sich beweisen müssen, wie fest der Schulterschluss zwischen den westlichen Staaten tatsächlich ist. Kanada setzte da gerade ein Zeichen, indem es trotz der verhängten Sanktionen gegen Russland nach langer Überzeugungsarbeit aus der Bundesrepublik ankündigte, eine gewartete Gasturbine für die Pipeline Nord Stream 1 zurückzusenden. Allerdings soll das Aggregat nach Deutschland und nicht nach Russland gebracht werden.

Gas-Turbine für Nord Stream 1 löst Streit aus: „Russland benutzt Energie als Waffe“

Kanadas Premierminister Justin Trudeau sprach von einer schwierigen, aber notwendigen Entscheidung. Es sei wichtig, den europäischen Verbündeten angesichts drohender Energie-Engpässe unter die Arme zu greifen. „Wir sehen, wie Russland immer wieder versucht, Energie als Waffe zu benutzen, um die Verbündeten zu spalten“, betonte der Regierungschef.

Dieser Schritt sei auch unternommen worden, um sicherzustellen, dass Regierungen und Bevölkerung „fest und großzügig in ihrer Unterstützung der Ukraine bleiben“. Trudeaus Botschaft: Der Zusammenhalt unter den Verbündeten der Ukraine darf nicht bröckeln.

Problem daran: Wolodymyr Selenskyj hatte die Geste anders bewertet, das Vorgehen der Trudeau-Regierung kritisiert und nach eigener Angabe sogar den kanadischen Botschafter in Kiew einbestellt. Was der Kreml durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen haben dürfte. Denn wer will der Öffentlichkeit da noch vermitteln, hier würden alle, die Russland die Stirn bieten, mit einer Sprache sprechen?

Video: Selenskyj empört über Turbinen-Ausfuhr nach Russland für Nord-Stream-Pipeline

Selenskyj kritisiert Turbinen-Bereitstellung für Nord Stream 1: Ukraine erwartet Ende der Gaslieferungen auf Russland

Der ukrainische Präsident jedenfalls hatte von einer „inakzeptablen Ausnahme beim Sanktionsregime gegen Russland“ gesprochen und gemutmaßt, in Moskau werde Kanadas Turbinen-Lieferung als Schwäche angesehen. Selenskyj geht davon aus, dass Russland die Gaslieferungen davon unabhängig so weit wie möglich reduzieren und „im schmerzlichsten Moment“ auch ganz einstellen werde.

Vom Putin-Lager waren die jüngsten Drosselungen auf die fehlende Turbine von Siemens Energy und weitere Arbeiten an der Gaspipeline geschoben worden. Ob die Gasmenge nach den seit Anfang der Woche anstehenden Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 wieder erhöht wird, ist jedoch keineswegs sicher. So sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, laut der russischen Agentur Interfax: „Was den Betrieb der Gas-Pipeline in der Zukunft betrifft, so wird viel von unseren Partnern abhängen – sowohl in Bezug auf die Nachfrage nach Gas als auch in Bezug auf die Verhinderung negativer Auswirkungen unrechtmäßiger restriktiver Maßnahmen.“

Der russische Staatskonzern Gazprom, der die Mehrheit am Pipeline-Betreiber Nord Stream AG besitzt, betonte derweil, der Konzern verfüge „über kein einziges Dokument, das es Siemens erlaubt, den Gasturbinenmotor, der derzeit in Kanada repariert wird, aus dem Land zu holen“. Daher sei der weitere Betrieb der Leitung nicht zu garantieren. Es scheint so, als würde Russland weiter Unsicherheit im Westen schüren wollen - ebenso wie bezüglich Putins künftigen territorialen Plänen. Das Spiel mit der Angst des Westens geht weiter - und damit auch dessen Belastungsprobe. (mg)

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