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NRW-Wahl: Warum wählen plötzlich so viele Menschen die Grünen?

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Von: Fabian Hartmann

Die NRW-Wahl hat einen großen Sieger hervorgebracht: die Grünen. Die Ökopartei hat ihr Ergebnis fast verdreifacht. Wie lässt sich der Erfolg erklären?

Köln – Es war ein Abend der Superlative: Die Grünen können ihr Ergebnis auf 18,2 Prozent verdreifachen, so stark wie nie in NRW. Erstmals Direktmandate geholt. Und jetzt auch noch Königsmacher in der nächsten Regierung. Ein Sieg auf ganzer Linie. Die Grünen haben bei der Landtagswahl in NRW triumphiert.

NRW-Wahl: Aufschwung für die Grünen

„Man kann keine Regierung an uns vorbeibilden“, sagte Spitzenkandidatin Mona Neubaur noch am Wahlabend – ein Satz, der das Selbstbewusstsein der Grünen unterstreicht. Rechnerisch möglich wäre zwar auch die Große Koalition. Doch weder CDU noch SPD haben daran Interesse. Die Grünen freut‘s.

Doch woher kommt ihr Aufschwung? Warum wählen plötzlich so viele Menschen grün? Sind die Grünen die wahre Alternative für Deutschland? Schon eine Woche zuvor in Schleswig-Holstein konnte sich die Ökopartei um 5,4 Prozentpunkte auf 18,3 Prozent verbessern. Rührt die Stärke der Grünen aus der Landespolitik? Oder ist es der Bundestrend, der die Partei nach oben spült?

NRW-Wahl: Nationale Themen haben große Rolle gespielt

Wie schon lange nicht mehr war die Landtagswahl in diesem Jahr dominiert von Themen nationaler Tragweite: Der Krieg in der Ukraine, die Inflation, der Klimawandel, der immer schneller voranschreitet – das waren die Themen, die die Menschen in NRW vor allem bewegt haben. Hinzu kamen landespolitische Dauerbrenner wie Verkehr und Bildung. Felder, auf denen die schwarz-gelbe Koalition nicht reüssieren konnte. Vor allem der FDP fiel der Zickzack-Kurs von Schulministerin Yvonne Gebauer in der Pandemie auf die Füße.

Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Grünen-Spitzenkandidatin Mona Neubaur
So sehen Sieger aus: Grünen-Spitzenkandidatin Mona Neubaur © Kay Nietfeld/dpa

Ganz anders die Grünen: Sie kommen in NRW aus der Opposition, im Bund haben sie mit Wirtschaftsminister Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock zwei äußert populäre Minister. Im Gegensatz zu Kanzler Olaf Scholz (SPD) haben die Spitzen-Grünen von Anfang an deutliche Worte gegenüber Russland gefunden. Beim Thema Waffenlieferung war die einstige Friedenspartei glasklar: Auch schweres Kriegsgerät wie Panzer soll an Kiew geliefert werden, forderten die Grünen.

Landtagswahl in NRW: Die Grüne-Spitzenkandidatin war bei den Wählern unbekannt

In NRW sagten 67 bzw. 64 Prozent der Wähler, sie seien mit der Arbeit von Baerbock und Habeck zufrieden. Zum Vergleich: Landespolitikerin Mona Neubaur kam nur auf einen Wert von 22 Prozent. „Der Bundestrend hat uns natürlich geholfen“, sagte Neubaur. Man tritt der Wahlsiegerin sicherlich nicht zu nahe, wenn man festhält: An der eigenen Bekanntheit oder gar Strahlkraft lag der Erfolg der Grünen nicht. In manchen Umfragen wussten gerade mal 32 Prozent der Wähler mit dem Namen Monau Naubaur etwas anzufangen. Was nicht verwunderlich ist: Die aus dem schwäbischen Teil von Bayern nach Düsseldorf zugezogene Politikerin war nie Ministerin und saß nie in einem Parlament.

NRW-Wahl: Die Grünen haben Stimmen aus allen Lagern gezogen

Die Grünen haben es geschafft, im Wahlkampf das richtige Gefühl, die richtige Botschaft zu transportieren. So plakatierten sie etwa: „Unabhängig von Kohle, Gas und Diktatoren“. Das zog Wähler an – und zwar aus allen Lagern. 260.000 ehemalige SPD-Wähler machten ihr Kreuz diesmal bei den Grünen, und auch von CDU (140.000) und FDP (100.000) holte die Öko-Partei nennenswerte Stimmen. Selbst aus dem Pool der Nicht-Wähler konnten die Grünen Zuwächse (30.000) mobilisieren. „Die Grünen haben das Thema, das läuft. Und ihnen wird Kompetenz zugeschrieben“, sagte der Düsseldorfer Politikwissenschaftler Stefan Marschall im Gespräch mit rbb-Inforadio.

Landtagswahl in NRW: Die Grünen triumphieren – und verzichten auf Triumphgeheul

Und dennoch: Von Triumphgeheul war bei den Grünen nach der NRW-Wahl nichts zu spüren. Parteichef Omid Nouripour freute sich in Berlin zwar über das gute Ergebnis. Doch er schob hinterher: „Es ist eine Momentaufnahme“. Nur nicht abheben, schien das Motto der Grünen zu sein. Ein allzu breitbeiniges Auftreten dürfte bei den Ampel-Partnern SPD und FDP auch nicht gut ankommen. Beide Parteien wurden vom Wähler abgestraft. Und auch Nouripour weiß: Der Weg zur grünen Volkspartei dürfte noch weit sein.

Vor der letzten Bundestagswahl sonnten sich die Grünen lange in guten Umfragewerten, träumten gar vom Kanzleramt. Am Ende kamen sie „nur“ auf 14,8 Prozent. Und dass Landtagswahlen auch in die Hose gehen können, durften die Grünen in diesem Jahr schon erfahren: Im Saarland kamen sie gerade mal auf 4,99 Prozent. Das ist noch keine acht Wochen her. (fh) Tipp: Fair und verlässlich informiert, was in NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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