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„Sie sind sein Kanonenfutter“: Jetzt lehnen sich russische Minderheiten gegen Putins Krieg auf

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Von: Patrick Mayer

Russische Minderheiten kritisieren offen hohe Verluste im Ukraine-Krieg. Währenddessen stellt ein ukrainischer Politiker einen heiklen Moskau-Vergleich an.

München/Moskau - Kann Moskau-Machthaber Wladimir Putin seinen Krieg in der Ukraine ohne Kritik aus Russland durchziehen? Offenbar nicht, und das, obwohl unabhängige Medien kaum noch existieren. Aber: Eine Nichtregierungsogranisation (NGO) protestiert offenbar öffentlich. Und zwar wegen angeblich hoher Verlustzahlen unter russischen Soldaten, die demnach aus armen Gebieten des 144-Millionen-Einwohner-Landes stammen, in denen hauptsächlich ethnische Minderheiten leben.

Ukraine-Krieg: Russische Minderheiten kritisieren offenbar hohe Verluste unter Soldaten

Wie die österreichische Kronen-Zeitung schreibt, wurde erst in diesem Jahr die „Asians of Russia Foundation“ gegründet. Mit dem Ziel, asiatische Minderheiten und indigene Völker in Russland zu vertreten. Zitiert wird Gründer Wassili Matenow, wonach sich die Organisation für „gefährdete und zahlenmäßig kleine Völker, die vom russischen Staat diskriminiert werden“, einsetzt.

In einem Posting der Organisation bei Instagram von Anfang Juli heißt es: „Im Moment besteht die Hauptaufgabe darin, zu versuchen, den Krieg zu stoppen, in den alle Völker ausnahmslos hineingezogen werden! Erschreckende Statistiken über tote Zivilisten in der Ukraine sowie katastrophale Statistiken über tote Soldaten nationaler Minderheiten!“ Der Post bekam mehr als 1450 Likes, die Seite hat 123.000 Follower (Stand: 25. Juli 2022, 20.00 Uhr).

Ukraine-Krieg: Setzt Moskau-Machthaber Wladimir Putin vor allem nationale Minderheiten ein?

Die Berichte, wonach Kreml-Chef Putin und sein Verteidigungsminister Sergei Schoigu vor allem Soldaten weit weg von den Metropolen Moskau und St. Petersburg einsetzen, mehren sich seit Wochen. Bisher habe Putin vor allem auf „arme Kräfte aus ländlichen Gegenden“ zurückgegriffen, erklärte der britische Geheimdienstchef Richard Moore: „Sie kommen aus Arbeiterstädten in Sibirien und gehören einem unverhältnismäßig hohen Anteil ethnischer Minderheiten an. Und sie sind sein Kanonenfutter.“

Sie kommen aus Arbeiterstädten in Sibirien. Und sie sind sein Kanonenfutter.

Richard Moore, britischer Geheimdienstchef 

Bereits Anfang April kursierte laut dem Online-Portal Watson eine interaktive Karte im Internet, auf der ein Este mithilfe von Google Maps und vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlichten Passdaten russischer Soldaten eine Landkarte erstellt hatte. Mit den Herkunftsorten von 1674 russischen Offizieren und Soldaten, die die Ukraine nördlich von Kiew angegriffen hatten.

Sie kamen demnach aus weit abgelegen Regionen im Süden Russlands, entlang der Transsibirischen Eisenbahn bis in den Fernen Osten. Die Orte, wo die Pässe ausgestellt wurden, waren teils Tausende Kilometer von der Ukraine entfernt. Moskau mit seinen rund zwölf Millionen Einwohnern und St. Petersburg mit etwa fünf Millionen Einwohnern sollen offenbar so wenig wie möglich von den Kampfhandlungen mitbekommen. Schon gar keine Metallsärge gefallener Soldaten.

Ukraine-Krieg: Russische Soldaten kommen wohl vor allem aus Dagestan und Burjatien

Laut Recherchen der Organisation „Mediazona“, einst gegründet von Pussy-Riot-Aktivistinnen, stammen die wenigsten Kriegstoten aus diesen beiden Millionenstädten, die gleichzeitig die administrativen Zentren des Landes sind. Der Berater des ukrainischen Innenministers, Anton Geraschtschenko, zitiert gar ukrainische Quellen, wonach russische Behörden Familien verstorbener Soldaten aus Moskau dreimal so viel an „Entschädigung“ zahlen würden wie Familien gefallener Soldaten aus Burjatien. Angeblich, damit sie in Moskau keine Stimmung machen. Die autonome Republik Burjatien gehörte einst zum Mongolenreich.

Unter Beschuss: Eine angeblich russische Panzer-Kolone im März kurz vor Kiew.
Unter Beschuss: Eine angeblich russische Panzer-Kolone im März kurz vor Kiew. © Screenshot Twitter@Defence intelligence of Ukraine

Putin versucht, hauptsächlich ethnische Minderheiten in den Krieg zu schicken“, schreibt Geraschtschenko bei Twitter. Auch die Organisation „Mediazona“ erklärt, dass die meisten der toten Soldaten aus den armen Regionen Dagestan und Burjatien stammen, wo der durchschnittliche Monatslohn um die 200 Euro liege und ein Vertrag als Zeitsoldat vergleichsweise viel Geld bringe. Die Organisation durchforstet bei ihren Recherchen offen zugängliche Quellen wie Lokalzeitungen oder Todesanzeigen im Internet.

Zumindest etwas Widerstand rührt sich offenbar in diesen ländlichen Gegenden. In Tuwa und Burjatien hätten sich in Enklaven Protestgruppen ethnischer Minderheiten gebildet, schreibt die Kronen-Zeitung. Die große Tageszeitung aus Wien beruft sich auf die Website understandingwar.org, wonach der Kreml seine Kampfkraft aus den Randgruppen der russischen Gesellschaft beziehe.

Derweil reisen zwei ranghohe deutsche Politiker in die Ukraine, um sich ein Bild von der Kriegsregion zu machen. Eine veröffentlichte Aufnahme schlägt im Netz hohe Wellen. (pm)

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