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Warum Stroh vom landwirtschaftlichen Abfall zum attraktiven Baustoff wird – auch für Europa

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Von: Peter Pauls

Unter Druck und Wärme wird Stroh zwischen Papier gepresst. So entsteht ein Baustoff, mit dem sich Häuser bauen lassen.
Unter Druck und Wärme wird Stroh zwischen Papier gepresst. So entsteht ein Baustoff, mit dem sich Häuser bauen lassen. © Peter Pauls

Ein deutscher Unternehmer baut in Uganda Häuser aus gepresstem Stroh. Jetzt wird dieser Baustoff plötzlich auch für Europa attraktiv, stellt unser Gastautor Peter Pauls fest.

Köln – Vor mehr als vier Jahren hörte ich zum ersten Mal von einem deutschen Unternehmer, der in Ostafrika Wohn- und Geschäftshäuser aus gepresstem Stroh baut. Was für eine faszinierende Idee, landwirtschaftlichen Abfall so zu nutzen! Es hat etwas Märchenhaftes, erinnert an Rumpelstilzchen, das aus Stroh Gold spinnt.

Schließlich lernte ich Eckardt Dauck in seiner Fabrik in Lolim im Norden von Uganda kennen und sah, wie dort unter Druck und Wärme Stroh zwischen Lagen aus festem Papier gepresst wurde. Das in den Halmen enthaltene Lignin, das Pflanzen Festigkeit gibt, wirkt dann wie Kleber. Auf diese Weise werden industriell 80 Zentimeter breite, sechs Zentimeter dicke und erstaunlich feste Paneele gefertigt. In doppelter Lage bilden sie eine stabile, selbsttragende Außenwand.

Eckardt Dauck: Ressourcenschonendes Bauen mit Wänden aus Stroh

In der Hauptstadt Kampala sah ich mir ein Trainingszentrum für Rettungssanitäter an, das aus solchen Paneelen besteht. Es wurde mit Geld aus der Alfred-Neven-DuMont-Stiftung gebaut. Meine Begeisterung hatte sich auf Hedwig Neven DuMont und ihre Tochter Isabella übertragen, die heute die Stiftung leiten. Überzeugt hatte die Stifterinnen, dass dieses Verfahren in Afrika und Asien neue Maßstäbe für ressourcenschonendes Bauen setzt. Doch dann kam Corona. Der ugandische Präsident legte sein Land still und damit auch die Fabrik. Heute arbeitet sie wieder.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil durch Corona, die Folgen des Klimawandels und den Ukraine-Krieg die Stroh-Paneele über Nacht in Europa ein Baustoff erster Wahl geworden sind.

Gips etwa, unerlässlich für Innenausbau, entsteht unter anderem als Nebenprodukt in Entschwefelungsanlagen von Kohlekraftwerken, deren Abschaltung die Politik immer weiter vorzieht.

Baustoffe wie Zement, Sand, Kies und Holz sind ebenfalls im Preis gestiegen und in der Verfügbarkeit begrenzt, zumal es auch hier zu Hamsterkäufen durch Unternehmen kommt.

10 Millionen Tonnen Stroh könnten in Deutschland zu Baustoff werden

Demgegenüber bilden die rund 30 Millionen Tonnen Stroh, die nach Angaben des Umweltbundesamtes jährlich in Deutschland anfallen, ein unerschlossenes Potential. Ein Drittel davon ist für den Bau von Paneelen verwendbar und würde die unvorstellbare Menge von 400 Millionen Quadratmetern dieser Elemente ergeben. Es ist kein Wunder, dass Eckardt Dauck 2023 auch in Deutschland produzieren will.

Interessant ist, dass in unserer von Schlagworten wie Disruption und Digitalisierung geprägten Welt dieses bodenständige Verfahren eine Wiedergeburt erlebt. Es gibt uns Zuversicht und kommt aus einer Vergangenheit, in der Achtsamkeit kein Gebot in einer Welt des Überflusses war, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Mit solchen Paneelen wurde in Europa seit den 30er Jahren gebaut.

Allein in England ist der Baustoff bei etwa 250.000 Häusern in Dachkonstruktionen oder im Trockenbau verwendet worden. Das Verfahren sei auch nach englischem Standard zertifiziert worden, erklärt Dauck. Das habe ihm in Uganda bei der offiziellen Anerkennung seines Verfahrens geholfen. Gern führt der Unternehmer auch die 1958 in Essen errichtete "Grugahalle" an, die mittlerweile unter Denkmalsschutz steht. Im Dach seien 7500 Quadratmeter Stroh-Paneele verbaut.

Unser Gastautor Peter Pauls ist Vorsitzender des Kölner Presseclubs. Zuvor war er lange Jahre Chefredakteur der Tageszeitung Kölner Stadt-Anzeiger. Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclub, den Sie hier abonnieren können.

Malteser International lässt Gebäude aus Stroh herstellen

Es gibt übrigens eine starke Kölner Komponente in dieser Geschichte, die etwas Freundliches hat, denn der Wandel kommt buchstäblich natürlich und organisch daher. Das Hilfswerk Malteser International, dessen Zentrale in Köln, Stadtteil Deutz liegt, hat als Pionier früh schon auf die Reisstroh-Methode gesetzt. Die international tätige Organisation gab mehrere Stroh-Gebäude bei Daucks Firma in Auftrag, was dieser Vorzeigeprojekte verschaffte und den Maltesern Gebäude, die frei von CO2 hergestellt sind.

Der 62-jährige Dauck will die Welt ein klein wenig zum Guten verändern. Er ist ein "Social Impact-Investor", wie es in der Fachsprache heißt. Eine große Rolle haben seine Kinder gespielt, sagt er. Worin denn seine Lebensleistung bestünde, was er durch seine Arbeit in der Welt verändert habe, hätten sie ihn gefragt und dadurch nachdenklich gemacht. Der materielle Gewinn stehe für ihn nicht im Vordergrund, sagt Dauck. "Sonst wäre ich nicht hier." Nachdem ich einige Tage mit ihm verbrachte, glaubte ich ihm das aufs Wort.

Was für uns in Europa einfach klingt, ist in Afrika schwer umzusetzen. Widerpart für Eckardt Dauck sind die Umstände und das Gewohnte, die trügerische Verfügbarkeit von illegal geschlagenem Brennholz, mit dem aus illegal abgegrabenem Lehm illegal Ziegel gebrannt werden. Unmittelbar bezahlt niemand dafür, doch zunehmend wird das Land dadurch verwüstet. Es ist eine Rechnung, die erst in der Zukunft beglichen werden wird.

Wären die Umstände andere, würden die Menschen sich um Häuser aus Stroh-Paneelen reißen, statt die eigene Umwelt zu zerstören, was sie kurzfristig billiger und ihre Kinder langfristig teuer zu stehen kommt. Hier treffen Nord und Süd aufeinander. Weltweit besteht die Tendenz, Kinder und Kindeskinder die Klimasuppe auslöffeln zu lassen, die ihnen die Eltern eingebrockt haben. Die Kunst sei, sich nicht entmutigen zu lassen, sagt Eckardt Dauck nach zehn Jahren Afrika, die ihm engelsgleiche Geduld abverlangten. Das von mir eingangs erwähnte Rumpelstilzchen, das am eigenen Wutanfall zugrunde ging, hätte hier keine Chance.

Auch dieser Gedanke birgt einen Verweis auf die aktuelle Lage. Mir sind beherrschte PolitikerInnen lieber als solche, die aus dem Affekt heraus handeln. Wie immer sie heißen und welcher Partei sie angehören mögen. (pp/IDZRW)

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