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Russland kidnappt offenbar AKW-Chef von Saporischschja - Ukraine sieht atomaren Terrorismus

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Von: Christina Denk, Stephanie Munk, Franziska Schwarz, Fabian Müller

Die ukrainischen Truppen scheinen erneut Gebietsgewinne in der Ostukraine zu verzeichnen. Kiew wirft Russland Angriffe auf Zivilisten vor. News-Ticker.

Update vom 1. Oktober, 8.44 Uhr: Der Chef des von russischen Truppen besetzten Atomkraftwerks Saporischschja, Ihor Muraschow, ist nach ukrainischen Angaben von Moskauer Truppen entführt worden. Das teilte der Präsident der Betreibergesellschaft Enerhoatom mit. Der Generaldirektor des größten europäischen Kernkraftwerks wurde demnach am Vortag von einer russischen Patrouille am AKW-Standort Enerhodar auf der Straße gestoppt, aus dem Auto gezerrt und mit verbundenen Augen an einen unbekannten Ort gebracht. Eine Erklärung von russischer Seite gab es zunächst nicht. Russland hält das AKW seit Anfang März besetzt.

„Es gibt keine Erkenntnisse zu seinem Schicksal“, teilte Kotin im Nachrichtenkanal Telegram mit. Er warf Russland atomaren Terrorismus gegen das Management und gegen die Mitarbeiter des Kraftwerks vor. Muraschow, der die Hauptverantwortung für das sichere Funktionieren und die nukleare Sicherheit der Anlage trage, müsse sofort freigelassen werden. Kotin forderte auch den Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, auf, sich für Muraschows Freilassung einzusetzen.

Das Atomkraftwerk Saporischschja ist mit seinen sechs Reaktoren das größte AKW in Europa.
Das Atomkraftwerk Saporischschja ist mit seinen sechs Reaktoren das größte AKW in Europa. © AFP

Update vom 30. September, 22.07 Uhr: Am Abend hat auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Rückeroberungen um die Stadt Lyman bestätigt. „Jeder hat gehört, was in Lyman passiert“, sagte Selenskyj in einer Videoansprache in der Nacht zum Samstag mit Blick auf die strategisch wichtige Kleinstadt im gerade erst von Moskau einverleibten Gebiet Donezk. Zuvor hatte bereits der Donezker Besatzungschef Denis Puschilin die fast komplette Einschließung russischer Truppen in Lyman durch ukrainische Soldaten eingestanden.

„Das sind Schritte, die viel bedeuten für uns“, sagte Selenskyj. „Wir müssen unser ganzes Land befreien, und das wird der beste Beweis dafür sein, dass internationales Recht und Menschenrechte nicht von irgendeinem Terrorstaat gebrochen werden können.“

Angriff auf Autokonvoi in Saporischschja: Opferzahl steigt nach Abschuss von Zivilisten

Update vom 30. September, 20.28 Uhr: In südukrainischen Stadt Saporischschja gab es am Freitag einen Raketenangriff auf einen zivilen Autokonvoi. Präsident Selenskyj sprach von einem absichtlichen Angriff auf Zivilisten. Die bestätigten Todeszahlen sind mittlerweile von 25 auf 30 gestiegen. Weitere 88 Menschen wurden verletzt, wie die Polizei mitteilte. Der Gouverneur der Gebietsverwaltung von Saporischschja, Olexander Staruch, machte russische Truppen für den Angriff verantwortlich. Unabhängig sind die Angaben nicht zu überprüfen. Der Kreml hatte das Gebiet am Nachmittag offiziell annektiert.

Nahe Saporischschja hat ein Raketenangriff einen Autokonvoi getroffen. 30 Menschen kamen ums Leben.
Nahe Saporischschja hat ein Raketenangriff einen Autokonvoi getroffen. 30 Menschen kamen ums Leben. © Viacheslav Tverdokhlib/dpa

Update vom 30. September, 20.11 Uhr: Erste Berichte hatten bereits von fehlender medizinischer Ausrüstung der russischen Reservisten berichtet (siehe Update vom 30. September, 10.30 Uhr). Offenbar fehlt es den eingezogenen Russen aber auch an Ausrüstung. Wie ein Video bei ntv zeigt, werden den Soldaten zwar die Waffen und Schutzausrüstung gestellt, sonstige Ausrüstung wie Schlafsäcke müssen die Rekruten jedoch meist selbst kaufen. Es reicht nicht für alle. Warme Mäntel, Handschuhe und Mützen sind in vielen Läden ausverkauft, so eine Besitzerin im Video. Mancherorst kümmert sich die Verwaltung um die zusätzliche Ausrüstung ihrer Bewohner. Doch auch die Waffen, mit denen die Reservisten eingedeckt werden, sollen teils sogar rosten.

Putin muss Reservisten nach Teilmobilmachung beschwichtigen – mit Geschenken an die Familien?

Update vom 30. September, 16.02 Uhr: Am 21. September ordnete der russische Präsident Wladimir Putin die Teilmobilmachung an. Nun scheint Putin die Bevölkerung besänftigen zu wollen. An die Familien der eingezogenen Reservisten in der sibirischen Region Tuwa wird je ein Hammel als Erste Hilfe verteilt. 91 Tiere seien bereits ausgegeben worden, berichtete das russische oppositionelle Internetportal Medusa am Freitag unter Berufung auf den regionalen Landwirtschaftsminister Sergej Ondar. Angehörige der Soldaten und die Soldaten selbst sollten spüren, dass sie nicht allein blieben mit ihren Alltagsproblemen, hieß es weiter unter Berufung auf Angaben der Regionalregierung.

In Tuwa, der Heimatregion von Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu, war es in den vergangenen Tagen zu Protesten gegen die von Kremlchef Wladimir Putin angeordnete Teilmobilmachung gekommen. Dabei wurden nach Angaben der Bürgerrechtsorganisation OVD-Info rund 20 Frauen festgenommen.

Separatisten bestätigen Umkesselung von Lyman: Ukrainische Truppen auf dem Vormarsch

Update vom 30. September, 13.00 Uhr: Nachdem zunächst nur die ukrainische Militärführung eine Einkesselung der strategisch wichtigen Kleinstadt Lyman vermeldet hatte, wurde diese nun auch von den pro-russischen Separatisten eingestanden. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist Lyman in einem Halbkessel, die Straße nach Swatowe ist unter unserer Kontrolle, steht aber periodisch unter Beschuss“, schrieb der Chef der Donezker Separatisten, Denis Puschilin, über den Nachrichtendienst Telegram.

Das Gebiet um Lyman ist wichtig als Brückenkopf für einen weiteren Vormarsch der ukrainischen Truppen tief in das benachbarte Gebiet Luhansk hinein. Das Vorrücken der ukrainischen Truppen in der Region Donezk ist auch deswegen von großer Bedeutung, da noch am Freitag die offizielle Bekanntgabe der Annexion von Donezk an Russland erwartet wird. Die ukrainischen Truppen würden sich damit also – zumindest nach Ansicht Moskaus – auf russischem Gebiet befinden.

Selenskyj wirft Russland Angriff auf Zivilisten vor: „So können nur Terroristen handeln“

Update vom 30. September, 12.02 Uhr: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Moskau den gezielten Beschuss von Zivilisten in der Region Saporischschja angelastet. „So können nur absolute Terroristen handeln, für die in der zivilisierten Welt kein Platz ist“, schrieb Selenskyj in seinem offiziellen Kanal auf Telegram. „Zynisch vernichtet (der Feind) friedliche Ukrainer, denn er hat bereits seit langem alles Menschliche verloren“, klagt der Staatschef weiter an. Moskau wolle sich mit solchen Gräueltaten an für seine militärischen Misserfolge rächen.

Am Morgen war eine wartende Autokolonne am Rand von Saporischschja unter Beschuss geraten. Angaben der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft zufolge sind 25 Menschen getötet und rund 50 verletzt worden. Laut Selenskyj wurden 16 Raketen auf Saporischschja und Umgebung abgefeuert. Die Besatzungsverwaltung der russisch besetzten Gebiete wiederum warf Kiew den Artilleriebeschuss der Wartenden vor. Der betroffene Ort ist rund 40 Kilometer von der Front entfernt.

Ukraine-News: Zu wenig Verbände – Russische Militärführung rät zu Menstruationsartikeln

Update vom 30. September, 10.30 Uhr: Die russische Militärführung hat offenbar Schwierigkeiten, die medizinische Versorgung ihrer Streitkräfte in der Ukraine aufrecht zu erhallten. Nach Einschätzung britischer Militärexperten mangelt es den Truppen an Verbandsmaterial und anderen medizinischen Produkten auf dem Schlachtfeld. Das berichtet das britische Verteidigungsministerium in seinem täglichen Bericht zum Ukraine-Krieg. Auch die medizinische Ausbildung der Soldaten sei im Großen und Ganzen nicht ausreichend.

Demnach wurden neu mobilisierte Reservisten angewiesen, ihren eigenen Verbandkasten mitzubringen, mit dem Hinweis, dass Menstruationsartikel eine kostengünstige Lösung seien. „Der Mangel an Vertrauen auf eine ausreichende medizinische Versorgung bei den russischen Truppen trägt beinahe mit Sicherheit zu einer sinkenden Moral und an einem fehlenden Willen bei, an offensiven Einsätzen teilzunehmen (...), hieß es in der Mitteilung weiter.

Die eingezogenen russischen Soldaten sollen nicht nur über eine mangelnde Ausbildung verfügen, sondern auch unzureichend ausgestattet sein.
Die eingezogenen russischen Soldaten sollen nicht nur über eine mangelnde Ausbildung verfügen, sondern auch unzureichend ausgestattet sein. © Kirill Braga/imago-images

Nächste Ukraine-Offensive? Donbass-Stadt laut Russland „faktisch eingekesselt“

Update vom 30. September, 7.47 Uhr: Die ostukrainische Kleinstadt Lyman ist strategisch wichtig. Nun sieht es danach aus, dass die Ukraine den Ort im Donbass-Gebiet Donezk zurückerobern kann. Nach russischen Angaben nahmen ukrainische Truppen mehrere Orte östlich der Stadt ein. „Gegen Mitternacht ist es der ukrainischen Truppen gelungen, Lyman faktisch einzukesseln“, teilte der nationalistische Militärblog „Rybar“ mit.

„Die Straße zwischen Lyman und Torske befindet sich unter ständigem Feuer des Gegners“, berichtete Rybar weiter. Die Straße nach Torske war nach dem Vorstoß der ukrainischen Kräfte westlich und nördlich von Lyman die einzige Nachschub-Verbindung der russischen Garnison in der Stadt. „Wenn nicht innerhalb von 24 Stunden entschiedene Maßnahmen vonseiten der russischen Militärführung getroffen werden, erwartet Lyman das Schicksal von Balaklija“, warnte „Rybar“.

Mit der Rückeroberung von Balaklija haben die ukrainischen Truppen eine Großoffensive im Gebiet Charkiw begonnen, infolge derer Kiew fast das ganze Gebiet wieder unter seine Kontrolle brachte und die russischen Truppen zu einem hastigen Rückzug zwang. Sollte der Ukraine die Eroberung von Lyman gelingen, öffnet sich für das ukrainische Militär der Weg nach Swatowe und Kreminna und damit tief in das Gebiet Luhansk hinein, das Moskau seit dem Sommer weitgehend unter eigene Kontrolle gebracht hatte. Der Kreml will am Freitag in einem Festakt die Annexion von Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischschja offiziell verkünden.

Update vom 29. September, 21.31 Uhr: Der russische Präsident Wladimir Putin hat eine Woche nach dem Start der Teilmobilmachung für seinen Krieg gegen die Ukraine Fehler bei der Einberufung von Reservisten kritisiert. „Es müssen alle Fehler korrigiert werden“, sagte Putin am Donnerstag bei einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates. Seit Tagen beklagen Reservisten, dass sie etwa trotz tödlicher chronischer Erkrankungen, hohen Alters oder anderer Ausschlusskriterien zum Kriegsdienst eingezogen würden.

Es gebe viele Fragen, Fehler dürften nicht zugelassen werden, sagte Putin. Wer irrtümlich an die Front geschickt worden sei, müsse nach Hause zurückkehren. Das gelte auch für Väter kinderreicher Familien. Der Kremlchef forderte die Generalstaatsanwaltschaft auf, die Verstöße gegen die Mobilmachung zu verfolgen.

Krieg in der Ukraine: Mobilmachung wird von weiten Teilen der russischen Bevölkerung abgelehnt

Putin betonte nun erneut, dass die Einberufenen ein militärisches Training durchlaufen müssten. Eingezogen werden sollten Reservisten mit militärischem Spezialwissen und Erfahrung. Alle müssten aber zusätzlich auf den Einsatz vorbereitet werden, sagte der Präsident. Seit Tagen gibt es Berichte, dass die Kreiswehrersatzämter rabiat vorgehen bei der Einberufung und auch Reservisten einziehen, die offiziell nicht unter die Teilmobilmachung fallen. „Es ist notwendig, jeden einzelnen Fall anzuschauen“, sagte Putin.

Die von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnte Mobilmachung hatte die größten Anti-Kriegs-Proteste seit Monaten ausgelöst. Es gab auch Brandanschläge auf Einberufungsstellen. Zudem löste das Einziehen von Reservisten für Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine die größte Massenflucht in der Geschichte seiner mehr als 20 Jahre an der Macht aus. Hunderttausende Russen haben das Land verlassen.

Fast jeder zweite Russe verspürt „Entsetzen“ wegen Teilmobilmachung – Ukraine rückt auf Knotenpunkt Lyman vor 

Update vom 29. September, 18.42 Uhr: Fast jeder zweite Russe hat einer Umfrage zufolge ängstlich und erschrocken auf die von Kremlchef Wladimir Putin angeordnete Teilmobilmachung reagiert. Insgesamt 47 Prozent der Befragten beschrieben ihre Gefühlslage nach Putins Rede vor gut einer Woche mit „Angst, Furcht, Entsetzen“, wie aus am Donnerstag veröffentlichten Ergebnissen des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada hervorgeht. 23 Prozent gaben dagegen an, „stolz auf Russland“ zu sein.

Die Umfragen des unabhängigen Lewada-Instituts werden auch von westlichen Experten geschätzt - als vergleichsweise authentisch und nach anerkannten sozialwissenschaftlichen Prinzipien umgesetzt.

Krieg in der Ukraine: Anteil an Kriegs-Unterstützern sinkt auf bislang tiefsten Wert

Der Anteil derjenigen, die erklärten, Russlands Ende Februar begonnenen Krieg gegen die Ukraine zu unterstützen, sank unterdessen auf 72 Prozent und damit auf den bislang tiefsten Wert. Kurz nach Kriegsbeginn hatte er bei 80 Prozent gelegen. Die Lewada-Soziologen hatten allerdings schon damals darauf hingewiesen, dass viele Russen nicht mit Enthusiasmus, sondern mit Angst auf die vom Kreml als „militärische Spezial-Operation“ bezeichneten Kämpfe blickten.

Experten geben zudem zu bedenken, dass Menschen in Russland aus Angst vor Repressionen auch in anonymen Umfragen möglicherweise nicht immer ehrlich ihre Meinung äußern. Putins Ankündigung, in den kommenden Wochen und Monaten 300.000 Reservisten an die Front in die Ukraine zu schicken, hat in Russland in den vergangenen Tagen die größten Proteste seit Kriegsbeginn und eine große Fluchtwelle ausgelöst.

Krieg in der Ukraine: Ukrainische Armee rückt auf wichtigen Knotenpunkt vor

Update vom 29. September, 17.52 Uhr: Die ukrainischen Streitkräfte rücken immer näher an die besetzte Stadt Lyman in der östlichen Region Donezk heran. Das berichtet der US-amerikanische TV-Sender CNN unter Berufung auf Alexander Petrikin, Leiter der örtlichen pro-russischen Stadtverwaltung.

Der Eisenbahnknotenpunkt wurde Ende Mai von den russischen Streitkräften und den mit ihnen verbündeten Milizen eingenommen. Die Situation sei für die russischen Soldaten, die versuchen, das Gebiet zu halten, „schwierig“ geworden, so Petrikin in einer Videobotschaft im sozialen Netzwerk vk.com. „Die Lage in der Stadt ist schwierig. Ukrainische Kämpfer beschießen weiterhin Lyman und den Bezirk Krasny Liman“, sagte Petrikin in dem Video.

Die ukrainischen Streitkräfte haben südlich, westlich und nördlich von Lyman Zugewinne erzielt - nur eine Straße in Richtung Osten ist noch unter der Kontrolle der prorussischen Gruppen.

Putin will nun offenbar Separatisten-Chefs empfangen – Party-Vorbereitungen zur Annexion laufen

Update vom 29. September, 13.05 Uhr: Putin will die Annexion vier russischer Gebiete an Russland bereits am Freitag (30. September) offiziell machen. Bei einer Zeremonie in Moskau will der die entsprechenden Abkommen unterzeichnen und außerdem eine „umfassende Rede“ halten. Alle Informationen dazu im News-Ticker zu den Verhandlungen im Ukraine-Krieg.

Putin will nun offenbar Separatisten-Chefs empfangen – Party-Vorbereitungen zur Annexion laufen

Update vom 29. September, 11.30 Uhr: Die Separatisten-Anführer der vier russisch kontrollierten Regionen der Ukraine sind in Moskau eingetroffen, um an der Annexion dieser Gebiete durch Russland teilzunehmen. Putin will die vier Männer offenbar empfangen.

Am Mittwoch (28. September) hatten sie Putin formell um die Aufnahme der vier Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja in die Russische Föderation gebeten. Nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen soll das russische Parlament in den kommenden Tagen darüber abstimmen. Aus diesem Anlass ist offenbar auch eine Ansprache Putins an die Parlamentarier geplant.

In Moskau werden derweil Feierlichkeiten vorbereitet. Gefeiert werden soll die Annexion offenbar am Freitag (30. September). Die Behörden kündigten für diesen Tag die Sperrung von Straßen im Stadtzentrum an, vor allem um den Roten Platz herum.

Update vom 29. September, 11.15 Uhr: Fast 100.000 russische Kriegsdienstverweigerer sind bisher vor Putins Teilmobilmachung ins zentralasiatische Nachbarland Kasachstan geflohen. Dem will Russland nun offenbar Einhalt gebieten: Russische Behörden wollen wehrpflichtige Männer dort künftig an der Grenze abfangen.

Pässe würden künftig mit den Einberufungslisten abgeglichen. Wer unter die Mobilmachungskriterien falle und keinen offiziellen Aufschub oder eine Ausreisegenehmigung vom Militär habe, dürfe nicht ausreisen. Das teilte die zuständige Gebietsverwaltung laut der russischen Staatsagentur Tass mit.

Ukraine-News: Russen fliehen vor Teilmobilmachung - Es droht ein „Brain Drain“

Update vom 29. September, 9.33 Uhr: Die massenhafte Flucht vieler Russen vor der Teilmobilmachung für den Ukraine-Krieg führt offenbar zu einem intellektuellen Aderlass in Russland. Nach Erkenntnissen des britischen Geheimdienstes verlassen derzeit vor allem „Bessergestellte und Gutausgebildete“ das Land. Das teilte das britische Verteidigungsministerium mit: Die wirtschaftlichen Folgen für Russland dürften durch den Verlust von Fachkräften enorm sein.

„In den sieben Tagen, seit Präsident Putin die Teilmobilmachung angekündigt hat, hat ein beträchtlicher Exodus von Russen begonnen, die der Einberufung entgehen wollen“, heißt es in dem aktuellen Bericht aus London. Genaue Zahlen gebe es nicht, aber vermutlich übertreffe die Zahl der Ausgereisten die Stärke der Armee, mit der Russland im Februar die Ukraine angegriffen hatte. Nach Schätzungen hatte Putin etwa 150.000 Soldaten an der Grenze zum Nachbarland aufmarschieren lassen.

Ukraine-News: Nach Annexion erwarten Experten neues Problem

Update vom 28. September, 21.10 Uhr: Neben der Annexion der ukrainischen Gebiete verfolgt Russland wohl auch das Ziel, ukrainische Männer als Soldaten zwangszurekrutieren. Berichten von ARD-Korrespondenten zufolge wurden bereits etliche Männer von der Straße entführt und gezwungen, gegen ihr eigenes Land zu kämpfen.

Ukraine-Krieg
Russische Soldaten mit dem charakteristischen „Z“-Symbol (Archivbild) © Vitaly Nevar / Imago Images

Das Zentrum für bürgerliche Freiheiten, eine regierungsunabhängige Organisation in Kiew, habe demnach zahlreiche Anfragen von Männern in russisch besetzen Gebieten. Mit der Zwangsrekrutierung ukrainischer Männer verstößt Russland gegen die Genfer Konventionen. Präsident Selenskyj appellierte an seine Landsmänner, sich vor der russischen Mobilisierung zu verstecken.

Ukrainischer Vorstoß bei Lyman: Russische Truppen eingekesselt

Update vom 28. September, 16.15 Uhr: Im ostukrainischen Gebiet Donezk droht den russischen Truppen offenbar eine Einschließung durch die ukrainische Armee. Russische Kriegsreporter berichteten am Mittwoch von erfolgreichen ukrainischen Vorstößen nordöstlich und östlich der Kleinstadt Lyman. Sollte die Siedlung Torske zurückerobert werden, droht den Russen eine Abschneidung der Verbindungswege von Lyman nach Kreminna und Swatowe im Luhansker Gebiet.

Die Straßen stehen bereits unter Beschuss durch die ukrainische Artillerie. Auch bei der Stadt Kupjansk im Gebiet Charkiw ist mit Kiwschariwka mindestens ein weiterer Ort auf der Ostseite des Flusses Oskil ukrainischen Angaben zufolge zurückerobert worden.

Meutern Separatisten? Nach Annexion droht Russland laut Experten neues Problem

Update vom 28. September, 15.50 Uhr: Die Referenden in den russisch besetzen Gebieten Luhansk, Donezk, sowie in Cherson und Saporischschja waren aus russischer Sicht erfolgreich. Doch Experten zufolge ist die Annexion der Gebiete kein endgültiger Sieg für Wladimir Putin. Das Institute for the Stufy of War schließt eine Meuterei der Separatisten nicht aus.

„Die russische Annexion der besetzten Gebiete Donezk und Luhansk wird wahrscheinlich die Spannungen innerhalb der Kräfte verschärfen, die regelmäßig meutern, wenn sie aufgefordert werden, außerhalb der Grenzen ihrer eigenen Oblaste zu kämpfen“, schreibt ein Mitarbeiter des Instituts auf Twitter. Demnach hatten sich Teile der Miliz der Volksrepublik Luhansk sowie der Volksrepublik Donezk in der Vergangenheit geweigert, Kämpfe außerhalb ihres Gebietes fortzusetzen.

Ein Video, das im August aufgenommen wurde, zeigt Soldaten aus Luhansk, die sich weigern, die Separatisten zu unterstützen. Dem ISW zufolge behaupteten die Soldaten darauf, dass ihre Arbeit hier getan sei. Ebenso hätten sich Einheiten der Miliz aus Donezk über eine Verlegung in andere Gebiete beschwert.

Ukraine-Krieg: Militärexperte erwartet Sieg der Ukraine

Update vom 28. September, 15.15 Uhr: Der ukrainische Militärexperte Alexander Musienko erwartet einen ukrainischen Sieg gegen Russland im Falle eines langen Krieges. So verwies Musienko im ukrainischen Fernsehsender „Espreso TV“ auf die logistisch bessere Aufstellung der ukrainischen Streitkräfte.

„Ich denke, dass die Pläne, die von unserer militärisch-politischen Führung entworfen wurden, weiterhin implementiert werden“, zitierte die ukrainische Nachrichtenagentur Unian den Experten. „Krieg ist auch eine logistische Sache“, betonte Musienko demnach und fügte hinzu: „Die Streitkräfte der Ukraine erhalten viel bessere logistische Unterstützung als die russische Armee.“ Dazu komme die finanzielle und militärische Unterstützung der Ukraine.

Ukraine-Krieg: Experte sieht keine Verhandlungen - „alle Akteure wollen auf dem Feld gewinnen“

Update vom 28. September, 12.29 Uhr: Laut Russland-Experte Gerhard Mangott sind aktuell keine Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew in Sicht. „Alle Akteure wollen den Krieg auf dem Schlachtfeld gewinnen“, sagte er Merkur.de von IPPEN.MEDIA.

Allerdings seien der Ukraine Fortschritte mit ihrer Gegenoffensive gelungen. „Für Putin wäre es mittlerweile schon ein Erfolg, die besetzten Gebiete zu behalten“, sagte Mangott und fügte mit Blick auf den Zustand von Putins Armee hinzu: „Zur Eroberung der ganzen Ukraine sind die russischen Streitkräfte nicht fähig und waren es nie.“

Mangott ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck. Hier das komplette Interview mit seiner Analyse zur aktuellen Lage im Ukraine-Krieg.

Ukraine-News: Russischer Soldat publiziert Video zur Teilmobilmachung

Erstmeldung vom 28. September: Washington/Moskau - Die blutigen Kämpfe in der Ukraine gehen weiter. Nun hat Moskau auch noch das „Ergebnis“ seiner Scheinreferenden verkündet. „Diese Farce in den besetzten Gebieten kann nicht einmal als Imitation von Referenden bezeichnet werden“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner jüngsten Videoansprache.

Im Blickpunkt steht aber weiter auch die russische Teilmobilmachung. Russland schickt Soldaten dabei nach Darstellung des Institute for the Study of War (ISW) womöglich nahezu ohne vorherige Ausbildung an die Front. Einer der im Zuge der Teilmobilmachung neu rekrutierten Männer habe dies in einer Videobotschaft mitgeteilt. Die Einheit solle den Informationen zufolge nach Cherson in der Südukraine versetzt werden, schreiben die Militärexperten in ihrer Analyse vom 27. September.

Militärexperten zu Teilmobilmachung: Moskau schickt unausgebildete Soldaten an die Front

Das ISW, ein Thinktank mit Sitz in Washington, vermutet, das russische Militär wolle seine Truppen in der Südukraine (die zuvor in den Regionen Kiew und Charkiw gekämpft hatten), in sehr kurzer Zeit verstärken. Ende August hätten russische Soldaten dort wegen „moralischer Erschöpfung“ um Entlassung gebeten.

Die unabhängige russische Plattform Mediazona berichtete überdies, dass neu rekrutierte Soldaten von Waluiki nahe der ukrainischen Grenze in den Donbass geschickt wurden - nach nur einem Tag Ausbildung. Unabhängig prüfen ließen sich diese Angaben zunächst nicht. „Soldaten mit nur einem oder zwei Tagen Training werden Russland im Kampf gegen die Gegenoffensive der Ukraine kaum stärken“, schreibt das ISW.

Proteste in Russland: Familien von Einberufenen machen ihrer Wut Luft

Berichte, dass etwa Männer eingezogen würden, die nie gedient hätten oder zu krank oder zu alt zum Kämpfen seien und über schlechte Behandlung frisch Rekrutierter, verbreiteten sich mündlich, weil Familien ihrer Wut darüber Luft machten. Nach ISW-Angaben versucht der Kreml von Wladimir Putin dieses Bild verstärkt mit Berichten zu korrigieren, denen zufolge fälschlich Einberufene nach staatlicher Intervention wieder aus den Rekrutenzentren entlassen wurden.

Der Kreml riskiert laut ISW aber auch, die Integrität seines wichtigen Verwaltungsapparats zu untergraben, wenn weiter den lokalen Behörden die Schuld für Fehler gegeben wird, die sie nicht allein verantworten. Zudem gab es in den vergangenen Tagen in Dutzenden Ortschaften Proteste gegen die Einberufung. (frs mit Material von dpa)

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