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NRW-Wahl: Sind Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty wirklich Gegner? TV-Duell wirft Fragen auf

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Von: Max Müller

Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty (l) sprechen beim TV-Duell der Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in NRW.
Thomas Kutschaty (links) und Hendrik Wüst lächelten mehr, als dass sie die Konfrontation suchten. © Oliver Berg/dpa

Analyse TV-Duell NRW-Wahl: Nach dem Aufeinandertreffen von Herausforderer Thomas Kutschaty und Amtsinhaber Hendrik Wüst stellt sich die Frage, wo es überhaupt inhaltliche Unterschiede gibt.

Solingen – Am Ort kann es nicht gelegen haben: Die alte Schlossfabrik in Solingen erinnert mit dem alten Gemäuer geradezu an eine antike Kampfarena. Was fehlte, sind allerdings die Kämpfer. Wenn Hendrik Wüst (CDU) und Thomas Kutschaty (SPD), was selten während der Sendung vorkommt, mal direkt miteinander sprechen, lächeln sie meist. Doch worüber sollten sie auch streiten, wenn die inhaltlichen Unterschiede derart marginal sind? Einige Male werden Sätze aus den Parteiprogrammen zitiert. Wüst und Kutschaty sollen tippen, zu welcher Partei die Forderung gehört. Fast immer zeigen sie auf sich selbst.

TV-Duell zur NRW-Wahl: Wer kann unentschlossene Wähler im letzten Moment gewinnen?

Der Countdown bis zum 15. Mai 2022 läuft. Dann wird in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt. Kurz vor der Landtagswahl in NRW debattieren Wüst und Kutschaty 75 Minuten live im WDR. Moderiert wurde die Sendung von den Chefredakteurinnen Ellen Ehni und Gabi Ludwig.

Anders als beim Wahlarena-Fünfkampf am letzten Donnerstag (5. Mai) gab es diesmal kein Publikum. Das TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten erwarteten politische Beobachter mit großer Spannung, denn das Rennen um das wichtigste Amt im bevölkerungsreichsten Bundesland ist weiter offen. Nuancen werden am Ende entscheidend sein, welche Partei die meisten Sitze ergattert, sind sich die Demoskopen sicher. Umso wichtiger, wie die Kontrahenten im direkten Vergleich abschneiden – und noch unentschlossene Wähler womöglich im letzten Moment auf ihre Seite ziehen können.

„Das Duell“ im WDR zum Nachlesen

Das TV-Duell im WDR wurde von 24RHEIN im Live-Ticker begleitet. Allen Highlights und wichtigsten Aussagen zum Nachlesen.

In einer vor dem TV-Duell veröffentlichten Erhebung des Meinungsforschungsunternehmens Insa im Auftrag der Bild-Zeitung klettert die CDU auf 32 Prozent, die SPD rutscht auf 28 Prozent ab. In früheren Umfragen lagen beide Parteien dichter beisammen, wenngleich Wüst im direkten Duell stets beliebter war. Ohnehin wird es wichtig, wie viel Prozent Grüne und FDP holen können – denn Koalitionsoptionen gibt es in NRW einige.

TV-Duell im WDR: Kutschaty steht auf einem Podest, um auf Augenhöhe zu sein

Dennoch konnte diese Ausgangslage für Kutschaty eigentlich nur eines bedeuten: Angriff. Wenn er das Ruder in den letzten Stunden nochmal rumreißen möchte, muss die „Abteilung Attacke“ ran. Doch die bleibt aus. Wüst präsentiert sich erwartungsgemäß abwartend. Im direkten Vergleich zwischen Wüst und Kutschaty fällt vor allem eines auf: Sie sprechen auf körperlicher Augenhöhe. Das ist insofern überraschend, als Wüst deutlich größer als Kutschaty ist. Mit einem Podest konnte der Unterschied übertüncht werden.

Landtagswahl NRW 2022: Es fehlen zu viele Polizisten

Los geht es mit dem tagesaktuellen Geschehen: In den Morgenstunden fand das SEK im Kinderzimmer eines 16 Jahre alten Essener Gymnasiasten Materialien zum Bombenbau und 16 Rohrkörper. An einigen waren Uhren befestigt, andere mit Nägeln präpariert. Wüst zeigt sich erleichtert, dass Schlimmeres verhindert werden konnte und mahnt: „Wir dürfen nicht nachlassen als Staat und als Gesellschaft“. Kutschaty, geboren und aufgewachsen in Essen-Borbeck, erzählt, dass sein Sohn auf der gleichen Schule seinen Abschluss machte.

Insgesamt macht NRW statistisch eine schlechte Figur in Sachen Innere Sicherheit. Nur jede zweite Straftat wird aufgeklärt – das ist die schlechteste Bilanz aller Flächenländer. Wüst verspricht, das Personal „von 40.000 auf 45.000 aufzustocken.“ Wie er es schaffen möchte, dass nicht weiterhin jeder fünfte Polizei-Anwärter seine Ausbildung abbricht, bleibt unklar. Den Abschluss des Themenblocks machte eine schnelle Runde, in der nur „Ja“ oder „Nein“ als Antwort zulässig war.

Bildung in NRW: „10.000 Lehrer zusätzlich einstellen“ – TV-Duell zur Landtagswahl

Es ist das landespolitische Thema schlechthin: Bildung. Nicht umsonst dürfte der Merksatz „Bildung ist Ländersache“ den meisten Menschen leicht über die Lippen gehen. Die Probleme sind offensichtlich: Schleppende Digitalisierung, Unterrichtsausfall und fehlende Lehrer machen es vielen Schülerinnen und Schülern nicht gerade leicht. Kutschaty weiß das und kritisiert: „8000 Stellen sind unbesetzt.“ Wüst kontert mit dem Verweis darauf, dass gerade in der Zeit, als die SPD die Regierung führte, zu wenig Stellen geschaffen wurden.

Gelöst werden soll der Lehrermangel vor allem mit neuen Stellen. „Wir wollen 10.000 Lehrer zusätzlich einstellen“, erneuert Wüst sein bereits mehrmals gegebenes Versprechen. Dazu will er erheben, wie viel Unterricht tatsächlich ausfällt. Das findet Kutschaty wenig zielführend: „Fragen Sie doch einfach mal die Eltern und Kinder, wie viel Unterricht ausfällt.“

Gesundheit im TV-Duell: Bessere Pflegebedingungen, neue Krankenhaus-Struktur für NRW

Auch in diesem Feld muss man die Unterschiede zwischen Wüst und Kutschaty mit der Lupe suchen. Beide sind sich einig: Die Situation in der Pflege muss verbessert werden. Dabei gehe es nicht in erster Linie um Geld, sondern um Entlastung, betont Kutschaty. Wüst setzt auf ein Willkommensgeld für ausländische Pflegerinnen und Pfleger.

Das nächste Krankenhaus sollte nicht zu weit weg sein und eine bestmögliche Behandlung gewährleisten, fordern beide. Wie das erreicht werden soll? Wüst möchte zunächst, dass die 16 Krankenhausträger ausloten, welche Operation wo gemacht wird. So steht es im Krankenhausentwicklungsplan. Kutschaty möchte das lieber selbst in die Hand nehmen: „Die Politik muss entscheiden, nicht die Träger.“

News zur NRW-Landtagswahl 2022

Alle aktuellen Infos zu Umfragen, Wahlkampf, Entscheidungen, Fristen und mehr gibt es im News-Ticker zur NRW-Landtagswahl 2022.

Wohnen in NRW: Das erste und einzige Wortgefecht im TV-Duell

Beim Thema Wohnen zeigt sich erstmals so richtig, dass es auch Unterschiede gibt. Kutschaty, selbst aufgewachsen in einer Essener Sozialwohnung, tritt vehement für den Ausbau des sozialen Wohnungsbaus ein. Wüst verweist auf 42.500 Sozialwohnungen und 350.000 neue Wohnungen insgesamt, die gebaut werden oder schon in Planung sind. Außerdem gebe es 10.000 Euro Fördergeld für die eigenen vier Wände. „Was bringt das der alleinerziehenden Mutter, die in Köln wohnt?“, entgegnet Kutschaty und spielt auf die horrenden Immobilienpreise gerade in den NRW-Großstädten an.

Diese diktiert in erster Linie der Markt. Doch Kutschaty hat eine Idee: Es soll eine Wohnungsbaugesellschaft des Landes gegründet werden, die neue Wohnungen baut. Sowas habe es schon mal gegeben. Wüst überzeugt das nicht: „Die war hoch verschuldet und musste verkauft werden.“ Zum ersten und einzigen Mal ein kleines Wortgefecht, doch kurze Zeit später ist die Sendung vorbei.

Fazit zum TV-Duell: Keine Hilfe für Unentschiedene vor NRW-Wahl

Insgesamt dürften unentschlossene Wähler nach dieser Sendung weiterhin ratlos sein. Man kann sich hinterher zumindest nicht des Eindrucks erwehren, dass Wüst und Kutschaty eigentlich ganz gut zusammenarbeiten könnten. Kritik am Programm des anderen? Fehlanzeige. Symptomatisch, wie Moderatorin Ehni einmal Wüst fast zum Angriff anbettelt. „Sie werfen der SPD vor, immer neue Schulden machen zu wollen“, sagt sie und hofft offensichtlich, dass Wüst das bereitwillig aufgreift. Doch der Münsterländer entgegnet betont zurückhaltend: „Gut, dass Sie das sagen, dann brauche ich das nicht mehr zu machen.“

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