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Ukraine-Krieg: Expertin sieht Putin als unberechenbaren Taktiker – und als Träger einer anderen „Kultur“

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Von: Aleksandra Fedorska

Politologin Agnieszka Legucka spricht mit IPPEN.MEDIA über den Ukraine-Krieg, Putin als Strategen und die Bedrohung anderer Staaten.

Warschau – Seit drei Wochen herrscht Krieg in der Ukraine. Im Interview gibt die Politologin Agnieszka Legucka, Analystin der Warschauer Denkfabrik The Polish Institute of International Affairs, ihre Einschätzung ab. Sie befasst sich mit Russlands Außen- und Innenpolitik, Sicherheitsfragen und Konflikten der östlichen Nachbarschaft der EU sowie den EU-Russland- und Nato-Russland-Beziehungen, russischer Desinformation und hybriden Bedrohungen. Mit IPPEN.MEDIA spricht sie über Wladimir Putin als Strategen, die Stimmung in der ukrainischen Bevölkerung kurz vor Ausbruch des Kriegs und die potentielle Bedrohung für weitere Länder.

Wladimir Putin
Der russische Präsident Wladimir Putin führt immer noch Krieg gegen die Ukraine. Daher glaubt ein Experte, dass jeder Geheimdienst derzeit seine Ermordung plant. © Mikhail Klimentyev/dpa

Ukraine-Krieg: Putin ist laut Expertin unberechenbarer Taktiker – „hat die Ukrainer vor langer Zeit verloren“

Kurz vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs waren Sie mit einem Team von Forschern in den sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Was für eine Stimmung herrschte in der ukrainischen Bevölkerung?

Eine Stille vor dem Sturm. Menschen, die dort leben, haben das gar nicht gespürt. Sie versicherten uns, dass Russland nicht in die Ukraine einfallen wird. Das kennen sie schon lange, diesen Atem Russlands im Nacken. Der Krieg dauert da seit acht Jahren an. Sie haben sich an diese Situation gewöhnt. Sie verstehen auch nicht, warum Russland die ukrainischen Brüder angreifen sollte. Wir haben uns sogar dort sicherer gefühlt, als wenn wir die Medien und Berichte des amerikanischen und britischen Geheimdienstes gesehen haben, die voll waren von Warnsignalen über das, was passieren wird. Eine Apokalypse. Leider stellte sich heraus, dass diese Berichte richtig lagen. Sie waren Vorboten der Katastrophe, die Russland verursacht hat.

So wie Sie es schildern, waren viele Ukrainer grundsätzlich positiv eingestellt. Ich spreche hier nicht vom russischen Regime, sondern der Einstellung zu den russischen Bürgern?

Es ist sehr kompliziert. Wladimir Putin* wird manchmal als ein ausgezeichneter Stratege wahrgenommen, der seine Politik sehr effektiv durchsetzt. Das ist er aber nicht. Lange Jahre war die Ukraine ein Land, das in seiner Außenpolitik unentschlossen war, gespalten in Ost und West. Die ukrainische Nation war eine geteilte Nation, die in Regionen gedacht hatte. Es gab Ost-, Süd- und Nordukraine. Das Land war stark dezentralisiert. Das, was der „brillante Stratege” getan hat, ist, alle gegen sich selbst und gegen das Regime in Russland zu vereinen.

Tatsächlich haben die Ukrainer heute eine negative Einstellung gegenüber Russland. Das ändert die Haltung gegenüber den Russen. Auch, wenn der Aggressor der russische Staat ist, ist es verständlich, zu erwarten, dass die Russen auf die Straße gehen sollten, um sich gegen diese Aggression zu stellen. Das verwischt die Differenzierung zwischen dem politischen Regime und den Russen. Auch, wenn die gegenseitigen Sympathien immer groß waren, weil viele miteinander familiär und freundschaftlich verbunden sind. Es sind Nachbarstaaten. Einige haben dort studiert und hatten ihre Kontakte. Als wir in Slawjansk waren, das tausend Kilometer von der polnischen Grenze entfernt liegt, sahen wir öfter Busse nach Polen oder Tschechien als zum Beispiel nach Russland fahren. Und ich weiß, dass viele Menschen in Russland auf die Straße gehen, obwohl sie mit Repressionen rechnen müssen und inhaftiert werden. Sie zeigen großen Mut, sich dem Krieg zu widersetzen.

Sie werden häufig im Zusammenhang mit Ihren Aussagen zur östlichen und westlichen Strategiekultur zitiert. Könnten Sie dieses Konzept kurz vorstellen?

Wir befinden uns in unterschiedlichen strategischen Kulturen. Im Westen herrscht der Dialog und die Kompromisskultur. Das wird hier sehr positiv wahrgenommen. Für uns ist es etwas Gutes. Wir streben win-win-Situationen an. Auf der anderen Seite gibt es die strategische Kultur Russlands oder des Ostens. Es ist eine Schwarz-Weiß-Strategie, wo es Gewinner und Verlierer gibt.

Als wir in Donezk waren, haben wir uns mit dem Rektor der dortigen Universität getroffen, und er sagte, er wisse, was ihn von den Russen unterscheide. Er versuche, unter den Studenten ein Gemeinschaftsgefühl zu erreichen. Alle können auf dem Wege des Dialogs und Gesprächs einen gemeinsamen Kompromiss erreichen. Jeder kann gewinnen. Um sich von den Russen abzugrenzen, muss es eine Strategie auf der Basis eines Kompromisses geben.

Wie müsste Deutschland seine Haltung und sein strategisches Konzept ändern, um im Verhältnis zu Putin effektiv zu sein?

Das ist heute die Schlüsselfrage und ich denke, wir müssen diese Frage endlich jenseits unserer Gewohnheiten betrachten. Es erfordert tatsächlich Arbeit zu verstehen, dass unser Partner oder jemand, mit dem wir zusammenarbeiten, diesen Kompromiss nicht will, weil er Kompromisse als Schwäche betrachtet. Putin ist gern unberechenbar, weil er meint, damit ernster wahrgenommen zu werden. Das mag vielleicht überraschen, aber Kraft, Konsequenz und Einigkeit sind von entscheidender Bedeutung für solche Partner.

Seit Jahren löst der Westen die Probleme, die Russland schafft, denn wir versuchen immer noch, weitere und weitere Angebote für die Zusammenarbeit und den Dialog zu unterbreiten. Er fühlt sich dadurch nur ermutigt weitere Versuche und Annexionen durchzuführen. Jetzt befinden wir uns in einer völlig neuen Realität. Es ist Krieg. Wir müssen uns auf die Zeit der Konfrontation mit Russland einstellen. Uns auf die Zeit der schlechten Beziehungen mit Russland konzentrieren, denn die guten Beziehungen sind bereits vorbei. Die Zusammenarbeit ist bereits vorbei.

Wenn wir die Zukunft der Sicherheit der Europäischen Union in den kommenden Jahren betrachten, müssen wir damit rechnen, dass wir die Ukraine als freies Land nicht mehr sehen werden. Viele Experten, auch in Deutschland, vertreten diese Meinung. Werden Länder wie Litauen und Bulgarien die nächsten Ziele Russlands sein?

Wir können nicht sagen, dass die Ukraine bereits verloren ist, und dass dann Lettland und Bulgarien dran sind, gefolgt von Polen und Deutschland. Denn an diesem Punkt schenken wir Putin den Sieg. Wir müssen alles tun, damit er in der Ukraine nicht gewinnt. Putin ist kein genialer Stratege. Er ist vielleicht ein unberechenbarer Taktiker. Er hat die Ukrainer vor langer Zeit verloren und in der Ukraine nicht gewonnen. Die Ukrainer haben zu den Waffen gegriffen und werden bis zum Ende kämpfen. Ich glaube daran, weil ich in der Ukraine war und mit Ukrainern gesprochen habe. Sie werden nicht aufgeben. Man muss ihnen nur helfen, durchzuhalten.

(Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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