1. 24RHEIN
  2. Welt
  3. Politik

Bürgerliche Mitte ohne vernehmbare Stimme – „zu sehr dem Mainstream angepasst“

Erstellt:

Von: Michael Hirz

Der Historiker Andreas Rödder bei der Vorstellung der Denkfabrik R21
Der Historiker Andreas Rödder © Anne-Beatrice Clasmann / dpa

Die Union hat durchs jahrelange Regieren an Kontur verloren und sich dem linken Mainstream zu sehr angepasst, meint der Historiker Andreas Rödder im Gespräch mit unserem Gastautor Michael Hirz.

Köln – Während dem Sieger immer die Bühne gehört, liegt der Besiegte öffentlich kaum beachtet in seinem Elend. Das erlebt gerade die Union, die am 26. September von den Wählern als Scheinriese enttarnt worden ist. Führungs- und orientierungslos irrt die CDU seitdem durch den politischen Ideenladen, auf der Suche nach Führungspersonal und nach sich selbst. Zur Genesung gehört, so steht es schon im ärztlichen Hausbuch, erstmal die richtige Diagnose: Nur ein Bein- oder doch ein Genickbruch? Als Spezialist empfiehlt sich seit geraumer Zeit schon der Historiker Prof. Andreas Rödder, derzeit lehrt er an der weltberühmten Johns-Hopkins-University in den USA.

Andreas Rödder: „Union hat sich dem Mainstream angepasst“

Ein Anruf bei ihm in Washington soll Aufklärung bringen. „Was hat die Union falsch gemacht, warum hat sie ihren Status als Volkspartei verloren?“, wollte ich von Rödder, der CDU-Mitglied ist, wissen. „Die Union hat sich zu sehr ausschließlich darauf konzentriert, zu regieren. Sie hat ihre Konturen verloren.“ Sie habe sich inhaltlich beliebig gemacht und dem (rot-grünen) Mainstream angepasst: „Was ist die Union mehr als die Programmatik von SPD und Grünen minus zehn Prozent? Darauf haben führende Christdemokraten keine Antwort mehr gehabt.“ Ergebnis sei, dass die bürgerliche, die rechte Mitte ohne vernehmbare Stimme sei.

24RHEIN-Gastautor Michael Hirz

Der Publizist Michael Hirz war bis vor kurzem Programm-Geschäftsführer des Politik-Senders Phoenix und hat u. a. den „Internationalen Frühschoppen“ moderiert. Jetzt ist Michael Hirz freier Journalist, Kommunikationsberater und sitzt im Vorstand des Kölner Presseclub. Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclub.

Andreas Rödder: Gehör im schrillen Konzert linker Identitäts- und Gender-Politik

Nun gehört zum Kurieren nicht nur eine scharfe Diagnose, sondern auch eine wirksame Therapie. Das weiß natürlich auch Andreas Rödder und präsentiert sie in einem Plädyer für einen aufgeklärten Konservatismus. Wer in Konservatismus geistige Enge, Klerikalismus oder Ewig-Gestriges sieht, den korrigiert Rödder schnell: „Konservativ sein heißt nicht, gegen Wandel zu sein. Sonderns Wandel so zu gestalten, dass er für die Menschen verträglich ist.“ Sein Vorbild dafür findet er weniger in Deutschland, wo konservativ nicht zuletzt wegen seines historischen Versagens ein fast toxischer Begriff ist. Er verweist auf die lange und letztlich ausgleichende Funktion des britischen Konservatismus, der jahrhundertelang für maßvollen Fortschritt stand. Mit Gleichgesinnten hat er eine Denkfabrik gegründet, die der bürgerlichen Mitte im schrillen Konzert zwischen linker Identitäts- und Genderpolitik sowie Ressentiment-befrachteten Provokationen wieder Gehör verschaffen will. Der öffentlichen Debatte und der politischen Kultur kann diese intellektuelle Aufrüstung mit Sicherheit nicht schaden – und der CDU möglicherweise wieder Gewicht verleihen. Um sich das zu wünschen, muss man kein Christdemokrat sein. (mh/IDZRW) Mehr News auf der 24RHEIN-Homepage. Tipp: Fair informiert, was in Rheinland, NRW & Deutschland passiert – einfach unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

Auch interessant