Fatale Verkettung: Wie ein Vulkanausbruch die Pest nach Europa schleuste

Aktualisiert:

Von: Carmen Mörwald

Von 1347 bis 1353 starben Millionen Menschen an der Pest. Wissenschaftler haben nun rekonstruiert, wie eine Verkettung zur größten Pandemie Europas führte.

Leipzig – Ein Vulkanausbruch irgendwo in den Tropen um das Jahr 1345 – Standort unbekannt. Zwei Jahre später verwüstet die Pest Europa. Was haben diese beiden Ereignisse miteinander zu tun? Viel, wie Ulf Büntgen von der Universität Cambridge und Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) zeigen. Sie veröffentlichten vor kurzem eine Studie im Fachjournal Communications Earth & Environment. Darin haben sie erstmals die Kausalkette rekonstruiert, die zum Schwarzen Tod führte – und sie liest sich wie ein Lehrstück über unbeabsichtigte Folgen der Globalisierung.

Laut einer Studie trug ein Vulkanausbruch im Mittelalter offenbar zu der Pestwelle bei.
Laut einer Studie trug ein Vulkanausbruch im Mittelalter offenbar zu der Pestwelle bei. (Montage) © opale.photo/Anadolu Agency/Imago

Die Forscher nutzten Baumringe aus den spanischen Pyrenäen als Klimaarchiv. Aufeinanderfolgende sogenannte Blaue Ringe, die Phasen geringen Wachstums anzeigen, weisen demnach auf ungewöhnlich kalte und nasse Sommer in den Jahren 1345, 1346 und 1347 in weiten Teilen Südeuropas hin. Ein kaltes Jahr sei nicht ungewöhnlich – mehrere aufeinanderfolgende Sommer schon, erläuterten die Autoren in der Studie, die am 4. Dezember veröffentlicht wurde. Historische Dokumente wiesen zudem auf ungewöhnliche Trübungen und einen verdunkelten Mond in der gleichen Zeit hin, was auf vulkanische Aktivität hindeute.

Studie enthüllt: So hängt ein Vulkanausbruch mit der Pest im Mittelalter zusammen

Die Annahme der Wissenschaftler: Ein Vulkanausbruch – oder eine Ansammlung von Ausbrüchen – um 1345 könnte dazu geführt haben, dass die jährlichen Temperaturen aufgrund des Dunstes von Vulkanasche und Gasen sanken. Daraus resultierten Ernteausfälle im gesamten Mittelmeerraum. Um Hungersnöte zu lindern und Unruhen zu vermeiden, hätten die italienischen Seerepubliken Venedig, Genua und Pisa Lieferungen von Getreideproduzenten am Schwarzen Meer auf den Weg gebracht.

„Seit mehr als einem Jahrhundert hatten diese mächtigen italienischen Stadtstaaten Fernhandelsrouten über das Mittelmeer und das Schwarze Meer etabliert, die es ihnen ermöglichten, ein hocheffizientes System zu aktivieren, um Hunger zu verhindern“, sagte Bauch. Doch die Folge sei eine weitaus größere Katastrophe gewesen: Die Schiffe, die Getreide transportierten, hatten offenbar mit Yersinia pestis infizierte Flöhe an Bord, wie bereits frühere Forschungen ergeben hätten. In den Mittelmeerhäfen des 14. Jahrhunderts wurden sie zum Ausgangspunkt der Krankheitswelle, die rasch ganz Europa erfasste.

Pest begann durch eine „einzigartige Verkettung“

Die klimatischen, landwirtschaftlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren – vom Vulkanausbruch über die Ernteausfälle bis hin zum Getreidetransport – seien den Autoren zufolge der „perfekte Sturm“ gewesen, der letztlich zum Schwarzen Tod führte. Die Pest kann demnach als „frühe Auswirkung der Globalisierung“ verstanden werden. „Das ist etwas, das ich schon lange verstehen wollte“, so Büntgen. „Was waren die Treiber des Beginns und der Übertragung des Schwarzen Tods und wie ungewöhnlich waren sie? Warum ist es genau zu diesem Zeitpunkt und Ort in der europäischen Geschichte dazu gekommen?“

So breitete sich die Pest in Europa aus

Seinen Ursprung hatte der Schwarze Tod nach aktuellen Forschungen im Tian‑Shan‑Gebirge in Kirgistan und gelangte 1347 auf Schiffen aus dem Vorderen Orient nach Mitteleuropa, berichtet Planet Wissen. Von der Krim aus verbreitete er sich über Handelswege in zahlreiche Länder Europas. Innerhalb weniger Jahre starb schätzungsweise ein Drittel der europäischen Bevölkerung; die Schätzungen liegen zwischen 20 und 50 Millionen Toten im Mittelalter.

Das Fazit der Forscher: „Der Schwarze Tod begann durch eine einzigartige Verkettung von natürlichen und gesellschaftlichen Faktoren – von Vulkanausbrüchen über kriegerische Konflikte und Missernten bis zum Fernhandelsnetz der italienischen Stadtstaaten.“ Und die Auswirkungen sind bis heute sichtbar: „Hier in Cambridge zum Beispiel wurde das Corpus Christi College von Stadtbewohnern gegründet, nachdem die Pest die lokale Gemeinschaft dezimiert hatte“, erklärte Büntgen.

Erschreckend: Im Sommer 2025 erkrankte ein Camper im Badeurlaub an der Pest. Auch hier soll ein infizierter Floh der Übeltäter gewesen sein. (Quellen: Communications Earth & Environment, Planet Wissen) (cln)

Haben Sie eine Meinung zu diesem Artikel oder ähnliche Erfahrungen gemacht? Haben Sie Fehler entdeckt? Schreiben Sie direkt an unsere Autorin – die Kontaktdaten finden Sie im Autorenprofil.

Kommentare

$Teilen