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Fahrrad aus Plastik-Abfall, an dem nichts rostet – „lange Zeit undenkbar“

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Von: Claudia Hessel

Igus Urban Bike am Rheinufer im im Hintergrund Kölner daneben Frank Blase
Frank Blase und das Igus Urban Bike © Igus & Claudia Hessel

Der Unternehmer Frank Blase will mit seinem „Igus Urban Bike“ ein Fahrrad auf den Markt bringen, das komplett aus Kunststoff-Abfall besteht. Nebenbei finanziert er noch ein Musical über seine Heimatstadt Köln.

Köln – Kennen Sie Igus? Selbst die meisten Kölner nicht. Das könnte sich bald ändern. Das Unternehmen aus dem Stadtbezirk Köln-Porz gewinnt einen Wirtschaftspreis nach dem anderen und knackte jetzt die erste Umsatzmilliarde. Igus stellt neue und recycelte Hochleistungs-Kunststoffe für bewegliche Anwendungen her, die in Büromöbeln bis in Weltraum-Raketen stecken.

Der Chef des Familienunternehmens mit mehr als 5.000 Beschäftigten in über 30 Ländern ist ein gebürtiger Kölner: Frank Blase. Mit seinen 63 Jahren will der Unternehmer jetzt quasi umsatteln. 2023 soll von Köln aus die Fahrradwelt revolutioniert werden: mit einem Rad, das nicht rostet, keine Wartung braucht und komplett aus Kunststoff besteht.

Igus Urban Bike: Gebaut aus Abfall, alles Kunstoff, nichts rostet

„Ich möchte da etwas produzieren, was völlig neu ist“, sagt Frank Blase. Im Porzer Showroom, in dem vom kleinsten Kugellager bis zum vollautomatisierten Low Cost-Roboter alles aus Kunststoff präsentiert wird, steht es: das Igus Urban Bike. Knallorange, tiefschwarz und robust im Style. Das ist wichtig, denn künftig sollen auch recycelte Shampooflaschen für Stabilität garantieren. „Das neue Bike kann bei Wind und Wetter im Freien stehen. Da alle Bauteile aus Kunststoff bestehen, rostet nichts“, so Frank Blase, „selbst ein Fahrradgetriebe aus Kunststoff war lange Zeit undenkbar. Davon leben wir, dass man sich etwas nicht vorstellen kann.“

Der Daniel Düsentrieb aus Köln tüftelt mit seinem Team daran, wertvollen Rohstoff wiederzuverwerten, bevor er umweltschädlich verbrannt wird. Am Ende steht ein Bike komplett aus Kunststoff und demnächst womöglich aus wiederverwertbarem Plastik von den Müllhalden dieser Welt - Was unmöglich klingt, wollen Kölner Köpfe auf die Beine stellen.

Frank Blase finanziert Musical „Himmel & Kölle“

Vom Herzen her ist Frank Blase Kölner durch und durch. Liebe Deine Stadt ist für ihn kein Spruch, sondern Tat: Statt mit dem 1. FC Köln oder im Kölner Karneval zeigt er sie aber mit einem Musical: „Himmel & Kölle“. Die Produktion hat er mit einem Millionenbetrag aus eigener Tasche finanziert. „Ein eigenes Musical war immer mein Traum. Ich war sofort Feuer und Flamme als mir die Autoren Moritz Netenjakob und Dietmar Jacobs die Idee vorstellten, ein Stück über unsere Heimatstadt zu schreiben“, so Blase.

Daraus ist eine bissige Liebeserklärung voller Witz geworden, aber auch mit „Jeföhl“, wie man in Köln so schön sagt. Die Hauptfigur im Stück - gutgläubig und fromm - verzweifelt an der lauten und sündhaften Stadt. Eine Erfahrung, die vielen von uns nicht fremd sein dürfte und vielleicht genau deshalb bereits tausende Besucher in das mehrfach ausgezeichnete Erfolgsmusical in die Volksbühne gelockt hat. Für Blase liegt es auch an der Mentalität des Publikums: „Der Kölner reibt sich doch gern an der Stadt“, und fährt fort: „Ich glaube allerdings auch, dass wir fast schon stolz darauf sind, wie das hier so läuft und übersehen dabei, dass es in den meisten Städten im Prinzip genauso ist. Aber der Kölner zelebriert ja gern seine Fehler. Und die Stadt hat Fehler, so wie jeder von uns auch.“ Vielleicht macht gerade das Unperfekte unser Köln so menschlich. Im Musical jedenfalls ruckelt es sich am Ende zurecht.

Frank Blase: „Köln ist oft chaotisch und dreckig“

Und in Wirklichkeit? So mancher fragt sich, wie lange das hier noch gut geht, wenn Köln immer weiter abgehängt wird? Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker war bislang noch nicht zu Gast. Ob sie es nicht anschauen mag, wenn das Köln-Musical ihre Stadt auf die Schippe nimmt? Vielleicht zu übertrieben? „Nein, da ist eigentlich nichts übertrieben, widerspricht Frank Blase, „teilweise vielleicht ein bisschen überspitzt. Aber es stimmt doch alles“. Und er zählt auf: „Die Stadt ist doch oft chaotisch und dreckig, der Kölner Klüngel, die Brücke, die von Schlössern zusammen gehalten wird. Der U-Bahn-Bau dauert ewig, und die Oper ist millionenfach überteuert.“

Frank Blase hat als Unternehmer klein angefangen. Er weiß sehr gut aus eigener Erfahrung, dass Dinge, die man ändern möchte, einen langen Atem brauchen und dass man sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lassen darf. Er glaubt weiter an die Stärken der Stadt und an die vielen Menschen, die sie mitgestalten: „Köln hat so viel Potenzial, in Wirtschaft, Kultur und auch in der Verwaltung! Wir könnten Europas Vorzeigestadt werden, wenn wir gemeinsam offen für neue Gedanken wären und nicht immer sagen: Das geht nicht.“ Wohin die Reise für Köln in 30 Jahren ökologisch, wirtschaftlich und auch städtebaulich gehen könnte, soll ein Multimedia-Modell öffentlich zeigen. Finanzieren will er das Projekt selbst. Nur bei der Stadtspitze findet er für sein Engagement kein Interesse – zumindest noch nicht.

Und so bleibt am Ende ein bitterer Beigeschmack und Köln wieder einmal unter seinen Möglichkeiten. Das Potenzial kluger Köpfe wird vernachlässigt – kein Einzelfall und auch keine gute Prognose für das Köln der Zukunft. Hoffentlich ruckelt es sich auch hier zurecht. (ch/IDZRNRW)

Die Liebeserklärung aus „Himmel & Kölle“ im Original

„Ich weiß der Ebertplatz ist hässlich, der Barbarossaplatz zu laut,
und Kölle ist oft korrupt, mittelmäßig und verbaut,
es ist auch selbstverliebt und peinlich, ohne Kopf und ohne Bauch,
doch mein Köln ist die Kulisse, die ich zum Atmen brauch.
In Köln will ich leben, und ich weiß auch warum,
mein Köln ist oft chaotisch, dreckig, schief und krumm,
doch die Stadt hat ein Geheimnis, und damit kriegt sie mich,
im tiefsten Dreck da strahlt der Jeck, die Stadt hat Fehler so wie ich,
hat viele Fehler grad wie ich!“

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