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Tagebau: Wie er funktioniert – und warum er umstritten ist

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Von: Mirjam Ratmann

Ein Braunkohlebagger steht im Tagebau Hambach. Im Vordergrund ist der Hambacher Wald zu sehen.
Ein Braunkohlebagger am Rand des Hambacher Forstes. © dpa/Henning Kaiser

Von Hambach über Garzweiler bis nach Cottbus hat Braunkohle aus Tagebauen jahrzehntelang unsere Energiesicherheit garantiert. Mit dem Kohleausstieg 2038 soll damit Schluss sein. Warum Tagebaue weiterhin unsere Landschaft prägen werden.

Wo ehemals ein großer Bagger Braunkohle abgriff, findet sich heute vielerorts ein See oder eine künstliche angelegte Naturlandschaft. Tagebaue haben keinen guten Ruf – und doch ist die dort abgebaute Braunkohle bis heute essenziell für unsere Energieversorgung.

Was ist ein Tagebau?

Von einem Tagebau spricht man dann, wenn Bodenschätze oberirdisch abgebaut werden können. Damit steht diese Art des Rohstoffabbaus im Gegensatz zum Rohstoffabbau in Schächten oder Stollen, der also unterirdisch, „unter Tage“, stattfindet. Im Tagebau werden Rohstoffe in der Regel mit übergroßen Baggern – Schaufelradbaggern oder Eimerkettenbaggern – die über 200 Meter lang und fast 100 Meter hoch sind, abgebaggert. Diese Maschinen gelten als die größten Bagger der Welt.

Zum Abtransport der Rohstoffe werden meist Förderbänder oder Förderbrücken verwendet. Ist die Förderung nicht kontinuierlich, kommen vermehrt auch Schwerkrafttransporter zum Einsatz. In Kraftwerken werden die Rohstoffe dann weiterverarbeitet, verbrannt und, im Fall von Braun- und Steinkohle, zur Energiegewinnung von Strom und Wärme eingesetzt.

In NRW wird vor allem Braunkohle abgebaut

Im Rheinland wird hauptsächlich nach Braunkohle gebaggert. Weltweit werden aber auch andere Rohstoffe wie beispielsweise Kies, Sand, Torf oder Edelsteine wie Diamanten und Edelmetalle in Tagebauen abgebaut. Der größte Tagebau der Welt liegt zum Beispiel in Chile: Im Hochland der Atacama-Wüste wird in 3.000 Meter Höhe Kupfer abgebaut.

Tagebau in Deutschland und NRW– eine Übersicht

In Deutschland gibt es drei große Braunkohle-Reviere: das Rheinische Braunkohlenrevier in der Niederrheinischen Bucht, westlich von Köln zwischen Aachen, Mönchengladbach und Bonn, das Mitteldeutsche Braunkohlenrevier westlich von Halle und das Lausitzer Revier bei Cottbus. Allein das Rheinische Kohlerevier gilt mit knapp 2.500 qkm als das größte seiner Art in Europa. Im Jahr 2020 betrug die Fördermenge dort 51,4 Millionen Tonnen.

Die ersten kleineren Tagebaue in Deutschland entstanden im Zuge der Industrialisierung im 17. und 18. Jahrhundert. Als „Geburtsstunde“ etwa des Mitteldeutschen Braunkohlereviers gilt das Jahr 1698, als bei Müncheln/Braunsbedra eine erste Kohlegrube entstand. 1819 stieß man erstmalig in Nordrhein-Westfalen, und zwar in Inden, zwischen Düren und Aachen, auf Braunkohle. Folglich entstanden im Rheinland die ersten größeren Tagebaue und Elektrizitätswerke.

Warum ist der Tagebau schädlich für die Umwelt?

Die Tagebaue sind oft ein wirtschaftlicher Garant für die jeweiligen Regionen und schaffen vor allem Arbeitsplätze. In der Hochphase des Braunkohle-Tagebaus in den 1980er und 1990er Jahren waren rund 160.000 Menschen direkt oder indirekt im Tagebau beschäftigt. Dieser Aufschwung brachte aber auch Nachteile mit sich, denn Tagebaue benötigen immense Flächen, oftmals solche, die bebaut und bewohnt sind.

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurden daher in Ost- und Westdeutschland insgesamt etwa 300 Ortschaften zugunsten von Tagebauen und der Gewinnung von Kohle abgerissen. Mehr als 120.000 Menschen auf einer Fläche von etwa 1.000 km2 musste dafür umgesiedelt werden. Die abgerissenen Dörfer werden teilweise woanders wieder aufgebaut. Mitunter müssen Betroffene aber auch in andere Dörfer umgesiedelt werden. Dafür werden sie von den Energielieferanten entschädigt.

Enormer Eingriff in die Landschaft

Der Eingriff in die Landschaft und in die Natur ist aber enorm. Geschlossene Waldflächen werden zerstört, und damit die Heimat vieler Tiere. Zudem muss Grundwasser abgepumpt werden - dafür reichern sich beim Tagebau Schadstoffe im Boden ab.

Spätestens seit dem beschlossenen Kohleausstieg werden nun nach und nach sowohl Stein- als auch Braunkohle-Tagebaue stillgelegt. Braunkohle in Tagebauen wird zwar – Stand 2022 – weiterhin gefördert, vor allem im Rheinland. Doch von den insgesamt 88 Tagebauen, die einst in Deutschland betrieben wurden, sind derzeit nur noch zehn in Betrieb, davon drei in NRW. Die Tagebaue Garzweiler, Hambach und Inden werden allesamt von dem Energieerzeuger RWE betrieben. Im Jahr 2022 einigte sich die Landesregierung NRW mit RWE darauf, den Kohleausstieg auf 2030 vorzuziehen. Somit sollen bis dahin alle Tagebaue in NRW geschlossen werden.

Proteste im Hambacher Forst und Lützerath

Aufgrund der Eingriffe in Natur und Lebensraum für Menschen und Tiere gibt es bereits seit Jahrzehnten Proteste gegen Tagebaue, auch in Nordrhein-Westfalen. In den vergangenen Jahren waren besonders der Hambacher Forst zwischen Aachen und Köln, sowie die Siedlung Lützerath bei Erkelenz von diesen Protesten betroffen. Während für den Tagebau Hambach ein 12.000 Jahre alter Wald gerodet werden sollte, musste in Lützerath ein kleines Dorf komplett umgesiedelt werden, um dem Braunkohleabbau des Tagebaus Garzweiler zu weichen.

Gegen die Rodung im Hambacher Forst protestierten Aktivistinnen und Aktivisten zwischen 2012 und 2020, indem sie das Gebiet besetzten – und hatten Erfolg. Nachdem das Camp 2018 unter dem damaligen Ministerpräsidenten Armin Laschet (nach Auffassung von Juristen rechtswidrig) geräumt worden war, beschlossen Bund und Länder nur zwei Jahre später, 2020, den noch verbleibenden Hambacher Forst zu erhalten. Lützerath hatte da weniger Glück: Auch hier hatten Aktivistinnen und Aktivisten jahrelang in Baumhäusern lebend gegen den Abriss des Dorfes protestiert. Doch 2022 beschlossen Bundes- und Landesregierung, dass Lützerath bis Februar 2023 vollständig geräumt werden soll.

Was passiert nach der Schließung eines Tagebaus?

Für die Errichtung von Tagebauen müssen erhebliche Flächen beansprucht werden. In der Regel kaufen die Energieerzeuger diese Flächen, um sie dann für die Braunkohlegewinnung zu nutzen. Wird die Braunkohle abgebaggert, bedeutet das einen massiven Eingriff in die Umwelt – Tiere verlieren ihre Heimat, jahrhundertealte Wälder werden zerstört. Außerdem ist der Tagebau schädlich für den Boden: Da nämlich durch das Abbaggern der Braunkohle die natürlichen geologischen Schichten der Böden zerstört werden, gelangen Schwefelverbindungen aus der Tiefe an die Oberfläche und versauern das Wasser. Davon betroffen ist nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung.

Daher sind die Energielieferanten gesetzlich dazu verpflichtet, die Landschaft nach der Nutzung wiederherzustellen. Das bedeutet, dass die Fläche, die einst für den Tagebau genutzt wurde, neu kultiviert werden muss. Oft werden die kraterähnlichen Kohlegruben einfach geflutet, sodass Badeseen entstehen, so wie beispielsweise der Cospudener See bei Leipzig. Mit der Rekultivierung solcher Gebiete muss zeitig begonnen werden, denn es braucht mehrere Jahre der Planung und Absprache mit Politik sowie Bewohnerinnen und Bewohnern. So soll zum Beispiel bei Düren der Indescher See entstehen, sobald der Tagebau Inden geschlossen sein wird (geplant für 2030). Aus dem Tagebau Hambach, der nun früher als geplant schon 2029 statt 2045 schließen wird, soll gar der größten See von Nordrhein-Westfalen und der zweitgrößten von ganz Deutschland entstehen.

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