Bryan Johnsons radikaler Selbstversuch gegen das Altern – vielversprechend oder riskant?

Erstellt:

Von: Constanze Julita

Tech-Milliardär Bryan Johnson.
Bryan Johnson investiert jährlich zwei Millionen Dollar in sein „Blueprint“-Protokoll – mit dem Ziel, biologisch so jung wie möglich zu bleiben. © David Becker/Imago

Bluttransfusion vom Sohn, 130 Pillen pro Tag, Stammzellentherapie: Bryan Johnson testet radikale Longevity-Maßnahmen. Experten erklären, was dahintersteckt und welches Risiko besteht.

Er ist 47 Jahre alt, Milliardär und hat sich vorgenommen, nicht zu sterben. Zumindest nicht so bald. Bryan Johnson, Pionier der sogenannten Longevity-Bewegung, investiert jährlich zwei Millionen Dollar in sein „Blueprint“-Protokoll. Dabei handelt es sich um ein radikal optimiertes Regime aus Ernährung, Schlaf, Bewegung und medizinischen Interventionen, das ihn biologisch so jung wie möglich halten soll. Sein Körper ist sein Labor, seine Biomarker sind seine Währung.

Was dabei herauskommt, fasziniert und verstört in gleichem Maß. Wie weit man gehen darf, um länger zu leben, beantworten Neurophysiologe Dr. Gerd Wirtz und Longevity-Experte Nils Behrens – und Mediziner Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer liefert mit einem einzigen Satz die vielleicht treffendste Antwort.

Blut vom eigenen Sohn – was steckt hinter Bryan Johnsons Verjüngungsversuch?

Eine der spektakulärsten Maßnahmen in Johnsons Protokoll war die Transfusion von Blutplasma seines damals 17-jährigen Sohnes Talmage. Die Idee dahinter ist nicht vollständig aus der Luft gegriffen: Parabiose-Experimente an Mäusen, darunter eine viel zitierte Studie der Stanford University aus dem Jahr 2014, zeigten, dass junges Blut bei alten Tieren bestimmte kognitive Funktionen verbessern kann. Doch der Schritt vom Mausmodell zum Menschen ist weit.

Nils Behrens ordnet ein: „Klinische Studien am Menschen fehlen oder zeigen keine klaren Effekte.“ Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hatte bereits 2019 ausdrücklich vor kommerziellen Blutplasma-Transfusionen als Anti-Aging-Maßnahme gewarnt. Johnson selbst zog nach Auswertung seiner eigenen Biomarker die Konsequenz: Im Juli 2023 gab er bekannt, keine weiteren Transfusionen durchzuführen – „no benefits detected“ (dt.: keine Vorteile festgestellt).

Dr. Gerd Wirtz sieht dahinter auch eine ethische Dimension, die kaum diskutiert wird. In Kalifornien versuchte ein Startup, junges Blutplasma für rund 8000 Dollar pro Liter zu verkaufen. „Wenn junges Blut einmal tatsächlich funktioniert, entsteht sofort ein Markt“, warnt Wirtz. „Junge Menschen verkaufen Plasma an wohlhabende Ältere.“ Die Behörden stoppten das Modell, doch verschwunden sei es damit nicht.

Longevity ohne Millionenbudget? Unser „Einfach Fit!“-Newsletter liefert jede Woche Tipps rund um Fitness, Ernährung und mentales Wohlbefinden – entscheidende Pfeiler für gesundes Altern. Einfach kostenlos anmelden:

Hallo, ich bin Alexandra Grauvogl,
als ehemalige Ski-Rennfahrerin und ausgebildete Fitnesstrainerin beschäftige ich mich seit über 20 Jahren mit Fitness, Ernährung, Gesundheit sowie mentalem Wohlbefinden. In meinem Newsletter „Einfach fit!“ teile ich meine Erfahrungen und Empfehlungen mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Und keine Angst, im Newsletter geht es nicht um Spitzensport, sondern um einfache Tipps und Tricks für ein gesundes und fittes Leben, von denen auch Sie profitieren können. Ich freue mich auf Sie!

Hier können Sie sich kostenlos für „Einfach fit!“ anmelden

Alexandra Grauvogl, Redakteurin und Ex-Leistungssportlerin
Alexandra Grauvogl, Redakteurin und Ex-Leistungssportlerin © McFit

Warum Stammzellinjektion außerhalb von Studien gefährlich ist

Im März 2024 ließ Johnson 300 Millionen mesenchymale Stammzellen bei einem schwedischen Anbieter namens CellcoLabs, der in den USA nicht zugelassen ist, in Knie, Hüfte und Schultern injizieren. Ein Follow-up-MRT sollte zwölf Monate später Aufschluss über die Wirkung geben.

Mesenchymale Stammzellen werden intensiv erforscht, insbesondere in der regenerativen Medizin. Behrens verweist auf Übersichtsarbeiten, die entzündungshemmende und regenerative Effekte belegen, betont aber: „Die Anwendung außerhalb kontrollierter Studien ist aktuell medizinisch nicht abgesichert.“ Internationale Fachgesellschaften wie die International Society for Stem Cell Research warnen regelmäßig vor nicht zugelassenen Behandlungen, da dokumentierte Fälle schwerer Nebenwirkungen – von Infektionen hin zu Tumorbildung – vorliegen.

Wirtz richtet seinen Blick auf die Betroffenen, die sich von solchen Bildern leiten lassen: „Menschen mit Arthrose haben einen hohen Leidensdruck. Bei medizinischen Laien werden damit Hoffnungen geweckt, die derzeit noch nicht realistisch erfüllbar sind.“ Wer sich für Stammzelltherapien interessiere, solle in ein universitäres Zentrum gehen oder sich für eine klinische Studie bewerben. Dort könne man sich zumindest darauf verlassen, dass die Therapie keinen Schaden anrichte.

Unsere Experten

Dr. Gerd Wirtz ist Neurophysiologe, Medizinmoderator, Bestsellerautor und Keynotespeaker. Er gilt als einer der führenden Experten für Digital Health und Longevity.

Dr. Gerd Wirtz.
Dr. Gerd Wirtz © Dr. Gerd Wirtz

Nils Behrens ist anerkannter Longevity-Experte, Marketing-Experte eines Supplemet-Herstellers und Host des Gesundheitspodcasts Healthwise.

Nils Behrens.
Longevity-Experte Nils Behrens © Nils Behrens

Bryan Johnson schluckt 130 Pillen täglich: Wenn Optimierung zur Gefahr wird

Täglich zwischen 112 und 130 Präparate – darunter verschreibungspflichtige Medikamente wie Metformin, das Johnson zur Lebensverlängerung einsetzt, obwohl er nicht an Diabetes erkrankt ist. Das klingt nach konsequenter Selbstoptimierung. Aus medizinischer Sicht ist es vor allem eines: riskant.

Metformin gilt als interessanter Kandidat in der Longevity-Forschung. Beobachtungsstudien zeigen, dass Diabetiker unter Metformin teilweise länger leben als Vergleichsgruppen. Doch Behrens mahnt zur Vorsicht: „Diese Daten gelten für kranke Patienten, nicht für gesunde Menschen.“ Die große randomisierte Studie TAME (Targeting Aging with Metformin) läuft noch. Wirtz ergänzt: Metformin ist nicht ohne Grund rezeptpflichtig. Es kann Vitamin-B12-Mangel verursachen, die Nieren belasten und möglicherweise den Muskelaufbau bremsen. „Genau diesen Muskelaufbau benötigen wir aber dringend für ein gesundes Altern.“

Das eigentliche Problem bei Johnsons Supplement-Stack ist jedoch die schiere Komplexität. Wer fünf Medikamente gleichzeitig nimmt, muss laut Experten bereits mit zehn und mehr Wechselwirkungen rechnen. Bei 130 Substanzen ist das schlicht nicht mehr zu überblicken.

Wirtz verweist auf Schätzungen, wonach in Deutschland jährlich bis zu 60.000 Menschen an unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Wechselwirkungen sterben. Der Barmer-Arzneimittelreport 2022 geht sogar von bis zu 70.000 vermeidbaren Todesfällen aus. Behrens hat das Prinzip am eigenen Körper erfahren: Durch übermäßige Zinkzufuhr blockierte er seine Rezeptoren und produzierte sich selbst einen Kupfermangel. Sein Fazit: „Erst messen, dann supplementieren.“

Wer ausgewogen isst, benötigt weniger Pillen. Was das konkret bedeutet, zeigt unser kostenloser Ratgeber zur mediterranen Ernährung.

Mediterrane Ernährung – der umfangreiche Ratgeber

Laden Sie sich hier unseren kostenlosen PDF-Ratgeber zur mediterranen Ernährung herunter – mit einem Überblick über die Lebensmittel, die die Mittelmeerkost ausmachen (inklusive Rezepten), praktischen Tipps und Informationen zu den gesundheitlichen Vorteilen.

Laden Sie sich HIER kostenlos den Ratgeber „Mediterrane Ernährung“ als PDF herunter
Laden Sie sich in der PDF-Bibliothek kostenlos den Ratgeber „Mediterrane Ernährung“ herunter. © IPPEN.MEDIA

Die eigentliche Gefahr: Nachahmung ohne medizinische Begleitung

Was bei der öffentlichen Debatte über Johnson oft untergeht: Sein Protokoll findet nicht im unkontrollierten Selbstversuch statt. Ein Team aus Ärzten überwacht ihn dauerhaft, kontinuierliches Labormonitoring begleitet jeden Schritt und finanzielle Ressourcen ermöglichen sofortige Korrekturen.

Behrens benennt das als den entscheidenden Punkt: „Die größte Gefahr ist nicht eine einzelne Maßnahme, sondern die Kombination aus Halbwissen, Überdosierung und fehlender medizinischer Einordnung.“ Wer Johnson nachahmt, kopiert die Maßnahmen, aber nicht den Kontext.

Länger leben ohne Millionenbudget – was Experten empfehlen

Jenseits aller Experimente ist die Datenlage zu gesunder Lebenszeit erstaunlich klar – und ernüchternd unspektakulär. Bewegung, Schlaf, Ernährung, mentale Gesundheit und soziale Einbindung: Das sind die Faktoren mit der robustesten Evidenz. Behrens formuliert es pointiert: „Die meisten Menschen suchen nach Hightech-Lösungen, bevor sie die Low-Tech-Basics beherrschen.“

Besser schlafen: das Ratgeber-PDF

Hier können Sie sich das PDF „Besser schlafen – 10 Tipps und Praktiken“ kostenlos herunterladen.

Preview: PDF-Ratgeber „Besser schlafen“
In der PDF-Bibliothek können Sie sich den Ratgeber „Besser schlafen“ herunterladen. © IPPEN.MEDIA/IMAGO/YAY Images

Professor Dietrich Grönemeyer, Mediziner und Autor, hat in seinem neusten Buch einen Satz geschrieben, der als Kontrapunkt zu allem steht, was Johnson tut: „Ich habe nicht das Ziel, dem Leben auf Biegen und Brechen mehr Tage abzuringen. Es geht mir darum, möglichst viel Leben in unsere Tage zu bringen.“

Kommentare

$Teilen